Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 176
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Die Skyllagruppe von Rhodos als Vorläufer des Grossen Altares von Pergamon

Fünfter Gefährte
im Rahmen der Beine
des Odysseus und
Herausreissen des
Auges eines Hundes
in der Skyllagruppe

Weise den Steuermann des Odysseus am Schopf wie Athena den Al-
kyoneus, wobei es dort kein Zweifel sein kann, dass der Mann nach
oben gerissen wurde, was am Pergamonaltar nicht so deutlich ist,
vom Inhalt der Darstellung aber verlangt wird.

Der Altarmeister scheint sich sicher gewesen zu sein, mit dem
Motiv auch den Akt des Emporreissens anschaulich gemacht zu ha-
ben, aber wer die Skyllagruppe nicht kennt, sieht das nicht ohne
weiteres. Er muss erst den Prozess der Umsetzung des Motivs von
der Skylla der plastischen Gruppe zur Athena des Hochreliefs nach-
vollziehen, um zu erkennen, was da vor sich geht.

Der Einwand, dass es sich um ein allgemeines und nicht um ein
spezifisches Motiv handeln könnte, das im Repertoire der Bildhau-
er tradiert wurde, lässt sich entkräften, wenn man sieht, dass nicht
nur die Art und Weise, wie Skylla den Gefährten des Odysseus vom
Steuer reisst, dem Pergamonmeister als Vorbild diente, sondern
dass er sich zur Komposition der ganzen Gruppe von der Skylla-
gruppe hat anregen lassen. Athena, die mit dem Rundschild am lin-
ken Arm ausschreitet wie der Odysseus der Skyllagruppe, bildet
mit der auf sie zufliegenden Nike einen dreieckigen oder besser
pultförmigen Raum, in dessen Rahmen die Halbfigur der inschrift-
lich benannten Ge auftaucht und den rechten Arm nach oben reckt.
Einen sehr ähnlichen pultförmigen Rahmen bilden auch die aus-
schreitenden Beine des Odysseus. In diesem Rahmen sieht man den
von Fischschwanz und Hundevorderkörper umschlungenen Ge-
fährten des Odysseus, der wie Ge den rechten Arm verzweifelt nach
oben reckt. Auch von ihm taucht nur der Oberkörper über dem Bord
des Schiffes auf, ebenso wie die Halbfigur der Ge aus der Unter-
kante des Frieses. Die Verwandtschaft der beiden inhaltlich ganz
verschiedenen Kompositionen ist unverkennbar, zugleich sieht man
aber auch, wie der durch die Beine des Odysseus gerahmte Aus-
schnitt bei der Skyllagruppe sich ganz natürlich aus der Bewegung
der verschiedenen Teile gleichsam ergeben hat und vom Künstler
für gut befunden und durch einige Handgriffe formal abgeklärt
wurde, während Athena, Nike und Ge am Pergamonaltar eine sehr
kunstvolle Komposition bilden. Auch wenn der Schöpfer der Skyl-
lagruppe die Figur des unglücklichen Gefährten ganz bewusst im
Rahmen der ausschreitenden Beine des Odysseus sichtbar werden
lässt und aus kompositorischen Gründen möglicherweise den Kopf
des Mannes weiter zur Seite gedrängt hat als die Wirbelsäule, die
Sehnen und Muskeln des Halses es eigentlich erlauben, so hat er
doch nicht durch miteinander verstrebte Linien eine Flächenkom-
position von harmonischer Schönheit geschaffen, in die der Fries-
meister die horrende Szene bannen konnte. Es scheint aber kaum
verkennbar zu sein, dass dieser die Anregung dazu von der Skylla-
gruppe erhielt.

Insgesamt sind es zu viele Stellen, an denen der Pergamonaltar

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