Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 178
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Die Skyllagruppe von Rhodos als Vorläufer des Grossen Altares von Pergamon

Skyllagruppe,
vierter Gefährte,
von Fischleib
umschlungen,
und herabstürzender
erster Cefälirte
im Vergleich zum
Telephosfries 25
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linke erschlaffende Hand des Giganten über dem eleganten Stiefel
der Artemis mit den Arabesken seiner Lederapplikationen heraus-
kommt und isoliert ist, bedingt diesen Eindruck der Erträglichma-
chung des Grässlichen, ein Oxymoron, das den ganzen Pergamon-
altar auszeichnet. Dieser Meister hat den Anspruch von Xenokrates
von Athen, dass die Kunst nicht nur realistisch sein dürfe, sondern
schön und gross sein müsse, völlig verinnerlicht, aber er konnte es
wohl erst, nachdem er in der Skyllagruppe ein die Natur so genau
erfassendes und unprätentiös wiedergebendes Meisterwerk gese-
hen hatte, das ihn vor eine besondere Anforderung stellte. Er war
auch selbst nicht arm an Einfällen, aber seine Anverwandlungen der
Einfälle des Skyllameisters sind besonders interessant und für den
kunstgeschichtlichen Vorgang aufschlussreich.

Dies kann man auch an der sogenannten Beissergruppe des Nord-
frieses demonstrieren. Auch diese Gruppe versteht man besser,
wenn man sie mit den von Skyllas Fischschwänzen umwundenen
Gefährten auf der Rückseite der plastischen Gruppe vergleicht und
besonders mit dem vierten Gefährten an Skyllas linker Flanke. Der
Altarmeister hat eine vergleichbare Figur in der Beissergruppe am
Nordfries des Pergamonaltares aus der spiralig gedrehten, rundpla-
stischen Version in eine in die Fläche gebreitete Reliefversion ver-
wandelt, aber die gespreizten, in die Luft hängenden Beine beibe-
halten. Diese sind von den Schlangenschwänzen des Beissergigan-
ten umwunden, der mit beiden Armen die Körpermitte des Gottes
umschlingt wie der Fischleib den Odysseus-Gefährten. Bei diesem
greifen die Arme nach oben und unten, bei dem anderen nach rechts
und links; man kann sich aber des Eindrucks nicht erwehren, als ob
der in den Windungen des Fischleibes hängende Gefährte der Skyl-
lagruppe die Anregung zu dem einzigartigen in den Schlangenwin-
dungen des Beissergiganten hängenden Gottes abgegeben hätte. Je-
denfalls sieht man hier im Vergleich einen ähnlichen kunstge-
schichtlichen Vorgang wie bei den anderen von der Skylla entlehn-
ten Motiven. Diese sind, obwohl ohne jedes Vorbild der Phantasie
des Künstlers entsprungen, logisch aus der natürlichen Beweglich-
keit der Körper entwickelt, der Gott mit dem Schlagring hingegen
bildet fast ein ornamentales, auf jeden Fall sehr kunstvolles Haken-
kreuz, das nur deshalb nicht rotieren kann, weil es von den kreis-
förmigen Windungen der Schlangenbeine festgehalten wird.

Eine weitere Szene, die ohne das Vorbild der Skylla nicht zu er-
klären wäre, findet sich auf Platte 25 des Telephosfrieses in einer Sze-
ne der Schlacht am Kaikos. Hier fällt ein Mann kopfüber senkrecht
herab. Man muss annehmen, dass er von einem Pferd herabstürzt,
das in der Lücke der oberen Plattenhälfte dargestellt war. Es ist aber
nicht leicht vorstellbar, wie man in dieser Weise von einem Pferd fal-
len kann. Verständlich wird das hingegen, wenn der kopfüber von
Bord stürzende Gefährte des Odysseus das Vorbild gewesen ist.
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