Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 179
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/andreae1998/0183
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
Die Skyllagruppe von Rhodos als Vorläufer des Grossen Altares von Pergamon

Aber während sich bei der Skyllagruppe das Verhältnis der einzel-
nen Figuren zueinander und zum umgebenden Raum aus dem dar-
gestellten Bewegungsvorgang ergibt, ist es, soweit sich dies beim
fragmentarischen Erhaltungszustand der Platte noch beurteilen lässt,
am Pergamonaltar sorgfältig komponiert. Auch der Skyllameister
wirft die Figuren nicht kunterbunt durcheinander, aber die in alle
Richtungen weisenden Körperachsen der drei Gefährten auf der Vor-
derseite Skyllas sind eine Konsequenz der drei aufeinanderfolgen-
den Zustände beim Stürzen und Gepacktwerden, die alle im glei-
chen Augenblick festgehalten sind. Die Leerräume zwischen den Fi-
guren haben keinen eigenen ästhetischen Wert wie am Pergamonal-
tar, wo zum Beispiel bei Platte 25 die Mähne des am Boden liegen-
den Pferdes genau in den Umriss von Wange und Schulter des kopf-
über herabstürzenden Kriegers und die Rückenlinie des darüberfal-
lenden eingepasst ist. Das ist eine ähnlich kunstvolle Verwandlung
des Vorbildes wie die bei der Platte der Ge beobachtete.

Die kunstgeschichtliche Erkenntnis, die man bei diesen Verglei-
chen gewinnen kann, lässt sich noch vertiefen, wenn man die beiden
erhaltenen Köpfe der Skyllagruppe, nämlich denjenigen des Steuer-
manns und denjenigen des fünften Gefährten, der in schrecklicher
Weise von dem Mischwesen eingeklemmt ist, zum Vergleich heran-
zieht. Etwas Äusserliches sei zu Anfang hervorgehoben: Der Steu-
ermann hat gewelltes, lockiges Haar, der fünfte Gefährte strähniges,
glattes, das mit seinen Spitzen in die Stirn des Mannes fällt. Damit
wird ein natürlicher Frisurunterschied erfasst, den man auch bei
hellenistischen Porträts, zum Beispiel bei den etwa zeitgleichen
Bildnissen des Attaliden Eumenes II. mit lockigem und des Seleuki-
den Antiochos III. mit strähnigem Haar beobachten kann. Diese Fri-
surunterschiede sind keinesweg ein Familienerbteil, denn das Bild-
nis des Begründers der Attalidendynastie, Philhetairos, zeigt eher
strähniges, Seleukos, der Stammvater Antiochos' III. in der vierten
Generation, hingegen lockiges Haar. Es geht also um einen natürli-
chen Unterschied der Haare, den auch der Skyllameister beobachtet
hat. Am Pergamonaltar begegnen hingegen nur lockige Haare, of-
fenbar weil die Darstellung dadurch bereichert und zugleich auf-
gelockert wird. Es ist aber zweifellos ein künstlicher Zug, eine be-
wusste und gewiss begründete Entscheidung des Entwurfs der Al-
tarreliefs.

Versucht man - auch wenn das eine kopiert, das andere ein Ori-
ginalwerk ist -, einen stilistischen Vergleich zwischen dem Gesicht
des Steuermanns und einem möglichst ähnlichen Gesicht am Perga-
monaltar vorzunehmen, so ergibt sich eine konsequente Distinkti-
011: Der erstere ist natürlich geformt, der letztere stilisiert.

Haut und Gesichtsmuskulatur des nicht mehr jungen Steuer-
manns sind erstaunlich weich gebildet, als ob der Mann lebte. Die
Augen sind vor Entsetzen geweitet, aber nicht unnatürlich gross.

Pergamonaltar,
Beissergruppe

Antiochos III.
Paris, Louvre

179
loading ...