Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 183
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Phyromachos: Die Entdeckung des Barock

ren des zweiten Jahrhunderts geschaffenen Skulpturen der Hygieia
vom Typus Torlonia-Berlin und der Palladionraubgruppe über das
Bildnis des Antisthenes, den Asklepios von Pergamon zum Gigan-
ten des Attalischen Weihgeschenks führen.

Wir greifen ein einziges, sehr charakteristisches und in vergleich-
barer Weise bei allen Köpfen des Phyromachos wiederkehrendes
Lockenbüschel über der linken Schläfe heraus. Auch wenn diese
Köpfe nur in Kopien verschiedener Werkstätten und Zeitepochen
überliefert sind, fällt es nicht schwer, die Handschrift desselben
Meisters zu erkennen und zugleich nachzuvollziehen, wie sich der
Duktus dieser Handschrift konsequent verändert hat.

Das Bildnis des Antisthenes ist die früheste aus der Kunstge-
schichte bekannte Wiedergabe eines menschlichen Kopfes, dessen
Haarfülle nicht in einem einzigen Vorgang mit der Formung des
Schädels gestaltet wurde, sondern die den Schädel und die Haare
als verschiedene Elemente begreift und darstellt. Man glaubt hier
nachvollziehen zu können, wie der Meister zunächst als Modell für
den Bronzeguss einen kahlen Schädel geformt hat. Sodann hat er
aus Tonrollen wellige und mit dem Griffel gestrählte Locken gebil-
det und übereinander fallend an der Kopfhaut festgeklebt, als ob sie
herauswüchsen. Die Isolierung der einzelnen Elemente gab ihm die
Möglichkeit, die Lockenfülle ganz bewusst und kunstvoll zu kom-
ponieren. Über der Stirnmitte bilden die Haare eine Tolle, an der lin-
ken Schläfe fallen sie in einer langen Wellenlocke, an der rechten in
mehreren kurzen herunter. Die ungebärdigen Haare, das "wilde
Gelock von Haupt- und Barthaar", die "geradezu explosive Kraft
der Komposition", die man beim Antisthenes erkannt hat, finden
sich auch beim Asklepios und beim attalischen Giganten. Es genügt
aber, die Formung des Lockenbüschels an der linken Schläfe bei den
drei Köpfen nebeneinanderzustellen, um die Veränderung zu sehen,
die sich im Werk des Meisters vollzogen hat. Die Sichellocken, die
beim Antisthenes noch an die Haare des Diomedes von der Hand
des Nikeratos erinnern, werden zu Schlangenlocken, die sich immer
stärker vom Kopfumriss lösen. Man glaubt zu sehen, wie der Plasti-
ker die in Ton geformten länglichen Haarsträhnen immer stärker ge-
krümmt, gedreht und gewellt hat und immer wilder, zugleich aber
auch kunstvoller drapiert, übereinanderfallen lässt. Er entfernt sich
dabei immer mehr vom Naturvorbild und schafft eine energisch ge-
steigerte Welt, für die die Kunstgeschichtsschreibung den Stilbegriff
des Barock geprägt hat.

Bekanntlich geht dieser Begriff von einer im portugiesischen
Juwelierhandwerk üblichen Bezeichnung für unregelmässige,
schiefrunde Perlen, deutsch Brockenperlen, aus und wurde vom
französichen Klassizismus zunächst abwertend im Sinne von ab-
sonderlich, schwülstig verwendet. In der neueren Kunstgeschichte
wurde er ein Epochenbegriff und als solcher auch auf die antike

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