Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 198
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/andreae1998/0202
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
Apollonios und Tauriskos von Tralleis: Die Dirkegruppe

Diese muss ebenfalls unter Kaiser Claudius gegen 50 n. Chr. vom
Kaiser selbst in Auftrag gegeben worden sein.

Dass es sich bei der Gruppe, die 1546 in den Caracallathermen ge-
funden wurde und 1788 mit dem Erbe der Farnese nach Neapel ge-
langte, nicht um das Original, sondern um eine Kopie handelt, zeigt
der eindeutig claudische Kopistenstil, zeigen die in der Kopie hin-
zugefügte Figur der Antiope im Gewand und Typus einer römi-
schen Kaiserin und die ebenfalls hinzugefügten rein römischen Tier-
figuren kleineren Massstabs an der Rechteckbasis. Schliesslich wird
es auch petrographisch durch den Nachweis gesichert, dass die
Montagna di marmo aus einem einzigen riesigen Block des phrygi-
schen Marmors von Synnada bei Afyon in Anatolien besteht, weil
aus diesem Steinbruch nachweislich erst zur Zeit Strabos, das heisst
um die Zeitenwende, grosse Blöcke herausgezogen wurden. Da das
Original aber schon vor 40 v. Chr. existierte und damals nach Rom
gebracht wurde, kann es nicht aus diesem Marmor gearbeitet wor-
den sein. Dass es aus Marmor und nicht wie die meisten anderen
hellenistischen Gruppen im Original aus Bronze bestand, erwähnt
Plinius (nat. 36, 34) implizit, da er das Werk unter den Marmor-
skulpturen behandelt und ausdrücklich berichtet, Zethos und Am-
phion sowie Dirke und der Stier, ja selbst der Strick bestünden aus
demselben Stein.

Zu dem Ergebnis, dass Kaiser Claudius der Auftraggeber der
Skulptur war, kommt man auf einem kombinierten Weg der Aus-
wertung des Stiles, der Betrachtung der Komposition und der Her-
anziehung verschiedener historischer und literarischer Quellen.
Auszugehen hat man dabei von der merkwürdigen Anordnung
der ganzen Gruppe auf einer hohen Rechteckbasis, welche nach

dem strengen römischen
Gesetz der Axialität die
Hauptansicht der Gruppe
festlegt. In dieser Ansicht
sieht man den Stier senk-
recht auf den Betrachter
zustürzen, und das dürfte
der Grund für die Festle-
gung dieser Sehachse ge-
wesen sein. Die Gesamt-
gruppe entfaltet sich aber
viel übersichtlicher in der
diagonalen Ansicht von
der linken Ecke her, und
Farnesischer Stier, diese Ansicht, in der man

Dirkegruppe W^t^^^_ nUr dl6 V°n Plinius aus"

Diagonalansicht "^^Ht^^^^^i drücklich erwähnten Fi-

von rechts H guren von Zethos, Am-

198
loading ...