Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 203
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Apollonios und Tauriskos von Tralleis: Die Dirkegruppe

gleichgesetzte Personifikation der Gallia niedertrampelt, wird die
ganze Gruppe ein mythisches Bild für die historische Vernichtung
der Gallier durch Eumenes und Attalos im Jahre 166 v. Chr., die sich
in ihrem Kampf auf die Hilfe des Dionysos verliessen.

Die Aufstellung dieser als Siegesmal zu verstehenden Skulptu-
rengruppe in Rhodos verfolgte eine politische Absicht.

Während bis zum 3. Makedonischen Krieg das Königreich Per-
gamon und die Republik Rhodos in Konkurrenz zueinander stan-
den, änderten sich die Verhältnisse, als die beiden Staaten nach
dem Sieg der Römer über die Makedonen bei Pydna im Jahre 168
v. Chr. gedemütigt wurden. Delos wurde zum Freihafen erklärt,
und Rhodos verlor 85 % seiner Staatseinnahmen. Gegen das Reich
von Pergamon wurden die Gallier aufgehetzt, und Pergamon
konnte den lebensgefährlichen Krieg nur durch Einsatz aller Mit-
tel und der letzten Geldreserven gewinnen. Nach der Vernichtung
der Gallier im Jahre 166 v. Chr. kam Pergamon aber in den Besitz
der von den Galliern zusammengeraubten Schätze und war in der
Lage, das verarmte Rhodos mit beträchtlichen Stiftungen zu un-
terstützen.

Eine begleitende propagandistische Massnahme scheint die Auf-
stellung der von pergamenischen Künstlern geschaffenen Dirke-
gruppe in Rhodos gewesen zu sein. Die pergamenischen Könige er-
innerten in dieser Gruppe daran, dass auch sie, wie Amphion und
Zethos, von Zeus abstammten, und zwar über den Zeussohn He-
rakles, den Vater des Urkönigs von Pergamon, Telephos. Weiter,
dass sie im Interesse der gemeinsamen Sache der Griechen in The-
ben weilten, als sie die Nachfolge Attalos' L antreten mussten, und
dass der von allen Griechen aufs höchste verehrte Gott Dionysos
mit ihnen war und ihnen den Sieg über die Galater, "eine Geissei für
alle", verliehen hatte. Die Zeit der Aufstellung des Werkes in Rho-
dos ist damit auf die sieben Jahre eingeengt, die König Eumenes II.
nach dem Ende des Gallierkrieges noch lebte, das heisst, die Grup-
pe muss zwischen 166 und 159/158 v. Chr. in Auftrag gegeben wor-
den sein. Das stimmt ausgezeichnet mit dem Stil der Gruppe über-
ein, der unmittelbar an den Pergamonaltar anschliesst, über die
Skyllagruppe aber hinausgeht.

Man hat nun die Wahl, diese Kombinationen als allzu hypothe-
tisch abzulehnen oder die historische Logik zu erkennen. Die Tatsa-
chen, die zunächst isoliert und unzusammenhängend nebeneinan-
derstanden, ordnen sich plötzlich und ohne Zwang zu einem über-
zeugenden Bild, einem Bild, das alle Wahrscheinlichkeit für sich hat.
Man folgt damit der Aufforderung des einstigen römischen Besit-
zers der Gruppe, Asinius Pollio, der wollte, dass seine Statuen mit
der ihm eigenen lebhaften Scharfsinnigkeit bewundert würden (Pli-
nius, nat. 36, 33). Die Alternative ist, die Gruppe ausschliesslich in
ihrer ästhetischen Vollendung zu betrachten und Kunstgeschichte

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