Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 208
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Boethos, Sohn des Athenaios, von Kalchedon: Der Ganswürger

Paris, Louvre

Die Gruppe des Ganswürgers wirkt gleichwohl wie eine drollige
Antwort auf den tragischen Ernst der Dirkegruppe. Beim Ganswürger
ist zwar auch ein entscheidender Moment eingefangen, in dem das
Knäblein die Gans immobilisiert hat, doch das Bild muss sich - beim
dargestellten Gleichgewicht der Kräfte - im nächsten Augenblick
nicht vollkommen verändern wie bei der Dirkegruppe. Der Knabe
kann die Gans eine Zeitlang so halten. Lessings Erkenntnis über den
bei der Laokoongruppe erfassten Augenblick, man müsse, je mehr
man sehe, desto mehr hinzudenken können, und je mehr man dazu-
denkt, desto mehr zu sehen glauben, ist hier nicht anwendbar. Man ist
sich gleichwohl nicht sicher, ob nicht doch noch mehr und anderes ge-
meint ist, als was die Gruppe in diesem Augenblick festhält. Das
macht dieses kleine Kunstwerk so reizvoll. Obwohl es sich nicht nur
dem erschliesst, der mehr weiss, sondern jedem, der es betrachtet, ist
man nicht sicher, ob am Ende nicht doch mehr und anderes gemeint

ist als das, was man vor Augen zu haben glaubt. Die Frage bohrt, ob
Ganswurser . . , . , , , ° , . , .. ,. i

des Boethos es em Kleinkind geben kann, das seine kreatürliche Angst vor dem

Tier überwinden und es in dieser Weise packen kann. Es wurde schon
darauf hingewiesen, dass die Gans mit all ihren Instinkten ausge-
wachsen und darin dem Dreijährigen überlegen ist. Die Frage ist des-
halb angebracht, ob der Künstler nicht eine Art Wunderkind vor-
führen wollte, das einmal so stark und mutig werden muss wie die
Stierbändiger in der Dirkegruppe. Man erwartete von hellenistischen
Herrschern absolut erstaunliche körperliche Leistungen und einen
unerhörten Mut. Ihre Biographien sind voll von ausserordentlichen
Taten und Anekdoten, die ihre Überlegenheit demonstrierten. In dem
Kind, das die Gans stranguliert, könnte ein zukünftiger, unerschrockener
Held stecken, der von Geburt an in ihm angelegt ist wie in Herakles, der
Ganswürger die von Hera gesandten Schlangen im Kleinkindalter erwürgt. Man

des Boethos müsste dann annehmen, dass es sich beim Ganswürger um den Sohn

eines hellenistischen Herrschers handelt, der von Jugend an als Nach-
folger aufgebaut wird. Einen bestimmten Namen zu nennen ist aber
gewagt. Immerhin sei erwähnt, dass Antiochos IV. Epiphanes (175-164
v. Chr.), dessen Bildnisstatue in Delos laut der Inschrift auf dem allein
erhaltenen Sockel Boethos von Chalkedon schuf, einen 172 v. Chr. ge-
borenen Sohn Antiochos V. Eupator hatte, der mit acht Jahren 164 v.
Chr. an die Regierung kam und mit zehn Jahren 162 v. Chr. starb. Es gab
zu dieser Zeit aber auch viele andere zur Herrschaft bestimmte Söhne
hellenistischer Könige, so dass eine Festlegung besser zu vermeiden ist.

Der Ganswürger gehört zu jenen Werken im Umkreis des Perga-
monaltares, welche die grösste Natürlichkeit mit einem nicht weni-
ger grossen Sinn für kunstvolle Gestaltung verbinden, und die
Gruppe hat eine besondere Kraft, dem Betrachter den Raum, in dem
er sich bewegt, erfahrbar zu machen. Zunächst hat man, beim ersten
Erblicken des Werkes, den Eindruck, dass es unabhängig vom Be-
trachter mitten im Raum steht, von allen Seiten beschaut werden

Vatikan,
Gall. delle Statu

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