Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 210
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Boethos, Sohn des Athenaios, von Kalchedon: Der Ganswürger

Gruppe des Ganswürgers, die ihr in der Komposition so ähnlich, im
Inhalt aber so gänzlich anders ist. Die beiden Schöpfungen zeigen
die ganze Bandbreite der hellenistischen Skulptur an zwei gleich-
zeitigen, stilistisch nah verwandten Schöpfungen auf. Die Gruppe
des Ganswürgers könnte eine durchaus humorvoll gemeinte, direk-
te Auseinandersetzung mit der hochdramatischen Dirkegruppe auf
der Insel Rhodos sein, mit der sie die geistvolle Festlegung der
Hauptansicht als Empfehlung an den Betrachter gemeinsam hat.

35. Damokrates: Athena und Nike von Hierapytna

Ins Jahr 145 v. Chr. ist die marmorne Gruppe einer doppelt lebens-
grossen Figur der Athena und der neben ihr stehenden Siegesgöttin,
Nike, datiert, die der kretische Bildhauer Damokrates (so die dorische
Namensform) für das Heiligtum der Athena Polias in Hierapytna
schuf. Der Kopf der Athena und der Körper der Nike wurden schon
im 16. Jahrhundert gefunden und von Kreta nach Venedig gebracht,
wo man sie damals zu einer einzigen Figur vereinigte. Luigi Beschi
erkannte die irreführende Zusammenfügung, und man hat die bei-
den Teile wieder auseinandergenommen. Von allen Zutaten befreit,
sind die beiden Fragmente, der Kopf der Athena und der Körper der
Nike, jetzt im Archäologischen Museum von Venedig aufgestellt.

Diese schönen Skulpturen sind Musterbeispiele für das Behar-
rungsvermögen des aus der Klassik des vierten Jahrhunderts in un-
unterbrochener Kette tradierten Stils, der nicht von den asianisch-
barocken Strömungen ergriffen wurde.

In Athen sind es die allerdings nicht aufs Jahr genau festzulegen-
den Werke des Eubulides (und anderer), die einen ähnlichen Klassi-
zismus vertreten: durchaus bewundernswerte Werke einer voll-
kommen ausgereiften, von den neuen Strömungen nicht schlechthin
unberührten, aber ihres Konservativismus sicheren Bildhauerkunst,
vor denen man, wenn man den ungeheuren Fortschritt vor Augen
hat, den der Pergamonaltar gebracht hatte, irgendwie ratlos steht,
ohne in der Bewunderung nachzulassen. Die Erfahrung kommt ei-
nem in den Sinn, dass der Pergamonaltar, so grossartig er ist, weder,
als er ganz neu ins Bewusstsein der Kunstfreunde trat, noch heute,
wo er zu den berühmtesten Werken des Altertums gehört, uneinge-
schränkte Bewunderung hervorzurufen in der Lage ist. Man könnte
hier Meinungen hochgebildeter Zeitgenossen zitieren, die den Ba-
rock des zweiten Viertels des zweiten Jahrhunderts mehr oder we-
niger bewusst, aber grundsätzlich ablehnen, und man erinnert sich
auch daran, dass Michelangelo, ohne die historischen Zusammen-
hänge zu kennen, dies nicht getan hat. Wer möchte hier ein Urteil
fällen, sei es über die, welche den Barock des Pergamonaltares ab-
lehnen, sei es über die, welche den Klassizismus für fad erachten?

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