Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 213
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Damokrates: Athena und Nike von Hierapytna

trachtung des Torsos der Ni- Verschollenes Bildnis

ke in Venedig im Vergleich zu *s Kartieades nach

Peplosgestalten des dritten ""<-'"' ^ipsäbguss in

und des zweiten Jahrhun- j",1,'™"?,' Accademia

, . . ... deile Belle Arti.

derts v. Chr. gewinnen. Wer ^ m R Q)r

würde es wagen, nur auf-

grund einer Stilbestimmung,
die Nike des Damokrates für
gleichzeitig zu erklären mit
der Parthenos von Pergamon
oder mit der Hera von Sa-
mos, beide in Berlin. Es gibt
offensichtlich seit hochhelle-
nistischer Zeit zwei gleich-
wertig nebeneinander her-
laufende Strömungen des Ba-
rock und des beharrenden
Klassizismus, die einander
nicht einfach ablösen, wie
man nach dem früheren Verständnis der hellenistischen Kunst an-
nahm, sondern die zwei verschiedene Facetten der gleichen Kunst-
entwicklung darstellen. Zur barocken Facette gehört das im folgen-
den zu betrachtende, zeitlich sowohl nach dem Pergamonaltar als
auch nach der Gruppe des Damokrates entstandene, für die helleni-
stische Kunst emblematische Bildwerk.

36. Die Laokoongruppe

Die Laokoongruppe gilt als das berühmteste Bildwerk des Alter-
tums und als Musterbeispiel der einansichtigen plastischen Gruppe.
Das erstere ist erstaunlich und möglicherweise nur aufgrund der
Rezeptionsgeschichte verständlich, das zweite ist sicher richtig, be-
darf aber auch der Erklärung. Man muss also weiter ausholen.

Für den Ruhm dieser Skulpturengruppe sind viele Faktoren ver-
antwortlich, von denen drei zu Beginn ins Bewusstsein gehoben sei-
en. Erstens die rühmende Erwähnung durch Plinius, zweitens die
Bestätigung dieses Ruhmes durch Michelangelo, der bei der Wie-
derentdeckung der Skulpturengruppe am 13. Januar 1506 zugegen
war und die Gruppe als portento d'nrte, als Wunderwerk der Kunst,
ansah, und drittens die durch Winckelmann, Lessing und Goethe
mitbestimmte Wirkungsgeschichte der Skulpturengruppe, die auch
völlig unbefangen betrachtet als eine plastische Schöpfung höchsten
Ranges bezeichnet werden muss.

Ihre kunstgeschichtliche Stellung wird aber so kontrovers beur-
teilt wie diejenige keines einzigen anderen Kunstwerks von solchem

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