Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 214
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Die Laokoongruppe

Alkyoncus im
Ostfries

des Pergamonaltares
166-156 v. Chr.

Rang. Tatsächlich schieben selbst Kenner ihre Zeitstellung nicht nur
um eine oder zwei Generationen, sondern ein, zwei oder gar drei
Jahrhunderte hin und her. Dabei ist klar, dass man von einer Kennt-
nis der Stilgeschichte hellenistischer Plastik nicht sprechen kann, so-
lange der Zeitpunkt der Schöpfung dieses Meisterwerks nicht we-
nigstens annähernd bestimmt ist.

Der erste Grund für die Berühmtheit der Gruppe, aber auch für
die Verwirrung bei ihrer kunstgeschichtlichen Beurteilung ist die Er-
wähnung in der Naturalis Historia 36, 37 des römischen Admirals
Plinius (25-79 n. Chr.). Plinius schreibt in seinem knappen Latein,
die Laokoongruppe sei ein opus omnibus et picturae et statuariae artis
praeferendum. Reisst man diesen Satz aus dem Zusammenhang und
übersetzt ihn ohne Zuhilfenahme eines Lexikons, wie es die Worte
in ihrer durch die Überlieferung geprägten Bedeutung nahelegen,
so enthält er ein überschwengliches Lob: die Laokoongruppe
scheint allen Werken der Malerei und der Statuenkunst vorzuzie-
hen. Das ist aber eine für Plinius, der die hellenistische Kunst nicht
sehr hochschätzte, merkwürdige Aussage, die kaum zutreffen kann.
Entweder schmeichelt Plinius hier in übertriebener Weise dem an-
gehenden römischen Kaiser Titus, in dessen Palast die Laokoon-
gruppe stand und dem er seine Naturgeschichte als ganze widmete,
oder Plinius wollte etwas ganz anderes sagen.

Diese Frage lässt sich mit Hilfe eines Lexikon unschwer klären.
Der von Plinius verwendete Ausdruck statuaria ars bedeutet näm-
lich nicht Bildhauerkunst, wie man ihn zu verstehen gewohnt war,
sondern ohne jeden Zweifel Bronzeguss, das heisst die Technik, frei
stehende Statuen zu schaffen, die keiner zusätzlichen Stütze be-
durften wie Marmorstatuen. Plinius verwendet den Ausdruck
tatsächlich zehn Mal, und der Begriff statuaria ars bedeutet in jedem
dieser Fälle ausschliesslich "Technik des Bronzegusses". Wenn dies
nicht als sicher angesehen wird, so scheint es daran zu liegen, dass
der erste, der den Pliniustext in eine neuere Sprache übersetzt hat,
der Italiener Cristoforo Landino war. Seine Übersetzung erschien
1477, eine Generation bevor die Laokoongruppe tatsächlich gefun-
den wurde. In der italienischen Sprache bedeutete das mit ars sta-
tuaria scheinbar identische arte statuaria einfach Bildhauerkunst. Im
lateinischen Sprachgebrauch des Plinius bedeutet es hingegen:
Bronzeguss. Unter dieser Voraussetzung liest der Satz sich - im Zu-
sammenhang - völlig anders: Nachdem Plinius die berühmtesten
Marmorbildwerke abgehandelt hat, kommt er zur Laokoongruppe,
deren Erwähnung er mit den Worten einleitet, nun sei nicht mehr
viel zu sagen von solchen Werken, die nicht so berühmt sind, weil
mehrere Künstler daran mitgearbeitet haben und man nicht wisse,
wem man den Ruhm geben soll. Als Beispiel nennt er den Laokoon
der drei rhodischen Künstler Athanadoros, Hagesandros und Poly-
doros im Palast des Imperators Titus. Dieses Werk sei allen in Male-

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