Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 219
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Die Laokoongruppe

wollen, die Entstehungsgeschichte dieses epochalen Werkes geklärt
ist, darf man mit Fug und Recht annehmen, dass das Wesentliche
geleistet ist. Innerhalb der römischen Kunstgeschichte war die Lao-
koongruppe immer ein erratischer Block, der ein historisches Ver-
ständnis sowohl der zu erschliessenden Originalversion als auch
der im Auftrag des Consüium gemeisselten Kopie verhinderte.

Eine unbefangene Betrachtung muss mit einer Beschreibung des
in der Gruppe erfassten Geschehens beginnen. Zwei von rechts und
links angreifende Schlangen haben den körperlich ungewöhnlich
grossen Priester und seine ministrierenden Söhne umschlungen. Sie
töten Laokoon und den jüngeren Sohn durch ihren Giftbiss, nach-
dem sie alle drei Figuren mit den Schlingungen ihrer Leiber anein-
ander gefesselt haben. Die Jugendlichen sind von üblicher Statur,
können aber, auch wenn sie herangewachsen sind, die Körpergrös-
se des Vaters nicht erreichen. Dieser muss ihnen gegenüber gerade-
zu als ein Gigant erscheinen. Die erstaunliche Körpergrösse des Va-
ters ist nur deshalb nicht von vornherein als merkwürdig erachtet
worden, weil sie ein notwendiges Element der pyramidalen Ge-
samtkomposition der Gruppe ist. Aber ein formaler Gesichtspunkt
reicht für das Verständnis einer Schöpfung griechischer Kunst allein
nicht aus. Eine inhaltliche Aussage ist ebenso unabdingbar. Ein
Kunstwerk wird definiert durch die völlige Übereinstimmung von
Inhalt und Form. Das Gigantische, das in Laokoon steckt und durch
seine riesige Grösse anschaulich gemacht wird, ist seine Hybris. Er,
dem als Priester die Divination, die Erforschung des Willens der
Götter aufgegeben war, wagte es, sich diesem göttlichen Willen ent-
gegenzustellen. Das ist Hybris, und diese wird in seiner giganti-
schen Grösse augenfällig. Zeus, Hera und Athena, die in Rom zur
kapitolinischen Trias werden sollten, hatten den Untergang Trojas
beschlossen, um die überalterte Stadt durch die Nachkommen des
Aeneas in Italien neu erstehen zu lassen. Ihr Werkzeug bei diesem
Schicksalsschlag war Odysseus, der die List des Hölzernen Pferdes
ersann. Dessen Wirkung drohte die Warnung des Priesters an das
Volk von Troja zunichte zu machen. Deshalb mussten die Götter ihn
opfern.

Versucht man, sich in Kenntnis des Mythos den der Darstellung in
der Gruppe unmittelbar vorhergehenden Augenblick zu vergegen-
wärtigen, so glaubt man zu sehen, wie Laokoon versus populum, das
heisst mit dem Rücken zum Altar, dasteht und sich, begleitet von sei-
nen als Ministranten fungierenden Söhnen, dem Volk von Troja zu-
gewandt hat, an dessen Stelle vor dem Kunstwerk der Betrachter
selbst steht. Laokoon stösst seine Warnung aus (Vergil, Aen. 2, 49):
"Ich fürchte die Griechen, selbst wenn sie Geschenke bringen!" und
wirft seinen Speer gegen das Hölzerne Pferd, das hohl erdröhnt. Der
Plan der Götter ist in Gefahr. Sie müssen den Warner zum Verstum-
men bringen, ihn im wahrsten Sinn des Wortes opfern. Unsichtbar

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