Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 222
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Die Laokoongruppe

Toter Niobide
in München,
Glyptothek

Dem Kenner zeigt sich nämlich Folgendes: Das komplexe Bewe-
gungsmotiv des älteren Knaben, der das linke Bein anhebt und ver-
sucht, die Schwanzwindung der Schlange abzustreifen, während er,
um fliehen zu können, den rechten Arm aus den oberen Windungen
der Schlange ziehen will, hat der Künstler dem Weinschlauchträger
der Polyphemgruppe nachgebildet, der sich cum grano salis in einer
ähnlichen Situation befindet. Auch er setzt zur Flucht an, während
er zurückblickt und die Szene, die sich ihm bietet, voller Entsetzen
in sich aufnimmt. Er ist der in das Geschehen selbst verwickelte Be-
trachter, der den Betrachter des Kunstwerks dazu bringen soll,, sich
in seine Lage zu versetzen.

Für den jüngeren, schon erstorben in den Windungen der
Schlange hängenden Sohn, wählte der Meister ein anderes, nicht
weniger aussagekräftiges Vorbild: den toten Niobiden einer gros-
sen Gruppe der Bestrafung Niobes durch den Tod ihrer vierzehn
Kinder. Gewiss hat der Laokoonschöpfer nicht einfach den am Bo-
den hingestreckten toten Sohn der Niobe, den wir von Repliken in
Dresden und München kennen, gleichsam aufgehoben und in die
Schlangenwindungen gehängt. Und doch sieht man, wie dem
Knaben in gleicher Weise wie dem Niobiden der Kopf zurücksinkt,
wie er den rechten Arm nach oben über den Kopf hebt, wie er den
linken senkt und, im Gelenk rechtwinklig gebeugt, vor den Leib
legt. Der Künstler will, dass man das Vorbild wiedererkennt und
darüber nachdenkt, dass auch der Sohn der Niobe für die Hybris
seiner Mutter sterben muss, ebenso wie der Sohn des Laokoon für
die Hybris seines Vaters. Die Fähigkeit dieses grossen Figurenbild-
ners, inhaltsträchtige Motive aufzugreifen und souverän in seine
ureigene Komposition einzufügen, ist schlechthin bewunderns-
wert. Sie ist aber auch ein im Zeitstil verankertes Phänomen. Die
Kunst dieser Zeit stand an einem Wendepunkt. Sie war in der La-
ge, die Natur veristisch nachzuformen, doch erschien das nicht al-
len Künstlern als das Erstrebenswerte ihres Berufes. Deswegen
versuchen sie, auch mit den anerkannten Werken ihrer Vorgänger
zu konkurrieren und diese womöglich zu übertreffen. Die Laoko-
ongruppe ist möglicherweise das am besten gelungene und be-
deutendste Kunstwerk dieser Art und Zeit, das auch uns noch be-
kannt ist.

Wenn wegen der Übereinstimmung der Athena-Alkyoneus-
Gruppe des Pergamonaltares mit der Laokoongruppe der Schluss
unausweichlich erscheint, dass diese in Pergamon aufgestellt war,
weil nur jemand, der den Pergamonaltar kannte, sie wirklich ver-
stehen konnte, dann müsste das eigentlich auch für die Polyphem-
und die Niobegruppe gelten, von denen der Laokoonmeister sich
zur Darstellung der beiden Söhne hat anregen lassen. In der Tat ist
es nicht ausgeschlossen, dass auch diese beiden Gruppen im Ori-
ginal in Pergamon standen, man wird es aber doch nicht mit der

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