Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 225
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Die Laokoongruppe

soll der Heros Pergamos, ein Sohn des Siegers von Troja, Neoptolemos,
und der Witwe des Verteidigers von Troja, Andromache, gewesen sein,
der der Stadt des Königs Telephos den neuen, gültigen Namen aufge-
prägt hat. Dieser erinnert an die untergegangene Stadt Troja, die im ho-
merischen Gedicht der Ilias nicht weniger als sechs Mal als Pergamos
bezeichnet wird, das heisst: die Burg. Der Untergang Trojas, der im Tod
des Laokoon vorweggenommen wird, war also nicht nur die Voraus-
setzung der Gründung Roms, sondern auch die Voraussetzung der
Umbenennung von Teuthrania in Pergamon, die einer Neugründung
der Stadt gleichkam. Die Gruppe stünde demnach nicht grundlos in
Pergamon, sondern sie würde dort einen für das Selbstbewusstsein der
Pergamener bedeutungsvollen Mythos repräsentieren. Der Anspruch,
den die Gruppe in Pergamon an den Betrachter stellt, wäre dann nicht
allgemeiner, sondern besonderer Natur. Die Frage an den Betrachter,
der in Pergamon anstelle der Trojaner vor Laokoon steht, lautet, ob
auch er sich verblenden lassen und damit die Zerstörung der Stadt
selbst ins Werk setzen will?

Diese Frage wurde in einer bestimmten historischen Situation
wirklich an die Pergamener gerichtet. Im Jahre 139 v. Chr. kam der
römische Konsulat Scipio Aemilianus, der sieben Jahre zuvor Kar-
thago zerstört hatte, nach Pergamon. Die Pergamener wussten, wel-
chen Vorschlag er den Karthagern gemacht hatte, um den Krieg mit
Rom zu vermeiden, einen Krieg, der nur allzu sicher zum Unter-
gang ihrer Stadt führen musste. Scipio hatte den Karthagern erklärt,
dass er sie ungeschoren lasse, wenn sie ihre befestigte Burg Byrsa
aufgäben und sich in der Ebene ansiedelten, wo Rom sie unter Kon-
trolle halten konnte. Die Karthager lehnten ab und wagten den
Krieg mit Rom, der mit der völligen Zerstörung der Stadt und der
Schleifung der Burg endete.

Die Pergamener mussten beim Bekanntwerden der Reise des Afri-
canus, wie Scipio Aemilianus nach seinem Sieg über Karthago ge-
nannt wurde, schwere Befürchtungen hegen. Würde er ihnen den
gleichen Vorschlag machen wie den Karthagern, und wie sollten sie
darauf reagieren?

Aus dem Propagandagedicht "Alexandra" des Lykophron, das
die Pergamener um 196 v. Chr. in Auftrag gegeben hatten, um den
Griechen zu erklären, warum sie sich im Krieg gegen Philipp V. von
Makedonien auf Seiten der Römer gestellt hatten, ist bekannt, dass
die Pergamener sich wegen des aus Troja stammenden, namenge-
benden Heros Pergamos als ein Brudervolk der Römer ansahen.
Daran könnten sie sich fünfzig Jahre später in einer weltpolitisch
geänderten Situation erinnert haben. Sollten die Pergamener aus
Anlass der Ankunft des römischen Konsularen daran gedacht ha-
ben, ihm dies bewusst zu machen, so hätte es kein besseres Mittel
gegeben, als ihm die Laokoongruppe vor Augen zu stellen, damit
ihm selbst die Frage kam, ob sich das Schicksal Trojas an Pergamon

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