Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 226
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Die Laokoongruppe

Seite 226-227:
Relief des Archehos
von Pricnc, Zeus,
Apollo und die
Musen, Dichterstatue,
sitzender Homer
London, Brit. Mus.
Nach 130 v. Chr.

noch einmal vollziehen sollte. Auf den Trümmern Karthagos soll
der hochgebildete Feldherr, wie Polybios überliefert, den propheti-
schen Vers aus der Ilias zitiert und auf Rom bezogen haben, mit dem
Hektor auf die Zerstörung seiner Stadt hinweist: "Einst wird kom-
men der Tag, da die heilige Ilion hinsinkt!" Jemand, der zu solchen
Reflexionen fähig ist, dürfte nicht unbeeindruckt vor die Laokoon-
gruppe getreten sein. Wir können nicht wissen, ob er diese wirklich
in Pergamon gesehen hat und ob sie gar seinetwegen in Auftrag ge-
geben wurde. Tatsache ist, dass Scipio Pergamon in keiner Weise
schadete und sich sogar mit dem Kronprinzen Attalos III. anfreun-
dete, der ihm vier Jahre später, als er Nachfolger seines natürlichen
Vaters Attalos II. geworden war, quer durchs Mittelmeer Kunstwer-
ke als Ehrengeschenke nach Numantia in Spanien schickte, die Sci-
pio vor seinen Truppen in Empfang nahm. Scipio war von perga-
menischer Kunst so tief beeindruckt, dass er pergamenische Meister
mit der Schaffung der Ehrenstatuen seines Adoptivvaters, des älte-
ren Scipio Africanus, und dessen Bruder, Scipio Asiaticus, beauf-
tragte. Diese Bildnisse sind uns durch Marmorkopien in München
bekannt und müssen im Folgenden betrachtet werden (S. 229-231).
Es gibt also eine Reihe von Koordinaten, in deren Schnittlinien die
Laokoongruppe und die Persönlichkeit des Scipio Aemilianus ste-
hen, und diese Koordinaten schneiden sich in Pergamon. Der sich
aufdrängende Schluss, dass das Werk aus Anlass von Scipios Be-
such in Pergamon im Jahre 139 v. Chr. aufgestellt wurde, ist bei La-
ge der Dinge gleichwohl nicht mehr als eine mögliche Hypothese.
Sie hat allerdings nicht wenig für sich.

Die Laokoongruppe sollte nämlich auch nach diesen Überlegun-
gen nicht nur dazu dienen, den römischen Gast bei seinem kurzen
Besuch in Pergamon zu beeindrucken, sondern sie sollte auch den
Bürgern von Pergamon etwas sagen. Dort gab es gewiss Parteiun-
gen, die man kurz als Kriegs- und Friedenspartei bezeichnen kann.
Dem Auftraggeber der Gruppe muss es darauf angekommen sein,
jedem, der die Gruppe betrachtete, das Bewusstsein zu vermitteln,
dass er wie die Trojaner angesichts der Tragödie des Laokoon zu ei-
ner Entscheidung aufgerufen war. Doch der Betrachter dieser Tragö-
die kannte schon ihren Ausgang. Er wusste, dass die Trojaner ver-
blendet waren, und musste sich vor dieser Verblendung und vor der
Hybris des Laokoon hüten, indem er sich für den Frieden entschied.
In diesem Sinn war die Laokoongruppe, wenn sie in Pergamon
stand, ein Mahnmal an alle gegen den Krieg. Als solches sollten
auch wir sie verstehen, denn das ist letztendlich ihr von Zeit und
Ort ihrer Aufstellung unabhängiger Inhalt.

Die Überlegungen, die zu der vorgetragenen Hypothese führten,
lehren etwas über die Laokoongruppe, das gültig ist, auch ohne
dass man die Hypothese selbst beweisen könnte. Die hellenistischen
Griechen sind im zweiten Jahrhundert nicht mehr die Herren der

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