Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 228
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Agasias im Louvre wohl aus dem späten zweiten Jahrhundert
v. Chr. oder wie die in der Schiffsladung von Antikythera aus dem
Beginn des ersten Jahrhunderts v. Chr. und derjenigen von Mahdia
von etwa 50 v. Chr. haben nicht den gleichen Anspruch. Nachdem
Attalos III. Pergamon den Römern 133 v. Chr. testamentarisch ver-
macht hatte, existierte nur das Ptolemäische Ägypten als einer der
Diadochenstaaten bis zum Selbstmord Kleopatras VII. im Jahre 30
v. Chr. weiter, der Staat am Nil war aber machtlos geworden. Das
hellenistische Staatensystem löste sich von innen her auf. Obwohl
alte Traditionen zählebig waren und allenthalben Künstler ihr
Handwerk betrieben, gab es nirgendwo mehr einen grossen Auf-
traggeber, der die Schaffung eines überragenden Werkes hätte anre-
gen können.

Die Bedeutung der Auftraggeber für das Kunstschaffen auch die-
ser Zeit wird durch das Wirken von Persönlichkeiten wie Mithrida-
tes VI. von Pontos, Pompeius, Caesar, Marcus Antonius belegt.
Doch die Wiederbelebungsversuche hellenistischer Herrschaftsfor-
men waren nicht auf Dauer erfolgreich. Es ist also historisch ver-
ständlich, dass die Laokoongruppe eine letzte Aufgipfelung griechi-
scher Kunst darstellte. Was danach geschah, muss man als Nachle-
ben ansehen. Die Tatsache, dass die Laokoongruppe in der der
Nachwelt überlieferten Form eine Kopie der Zeit des Kaisers Tiberi-
us ist und damit selbst ein Produkt dieses Nachlebens, ist bezeich-
nend. Alle Überlegungen, grosse hellenistische Skulpturenschöp-
fungen wie die Pasquinogruppe und mit ihr die Skulpturengruppen
von Sperlonga und die Laokoongruppe als eklektische Werke des
ersten Jahrhunderts v. Chr. anzusehen, wirken wie der Versuch, ei-
ne gleichmässige Verteilung als bedeutend erachteter Kunstschöp-
fungen durch die Jahrhunderte hin zu erreichen. Diese Überlegun-
gen rechnen aber nicht mit den historischen Realitäten und lassen
auch die Frage nach dem Inhalt der Kunstwerke ausser acht. Erst
wenn man die Kunstgeschichte des turbulenten Jahrhunderts zwi-
schen dem Tode Attalos' III. 133 v. Chr. und der Schlacht von Akti-
um 31 v. Chr., in dem die Macht von den hellenistischen Staaten
endgültig auf Rom überging, von allen tradierten Fremdkörpern be-
freit hat, wird man die originellen Leistungen dieser Zeit richtig
würdigen, die man an vielen Stellen mit Händen greifen kann, auf
die der Blick aber durch die zu Unrecht in diese Epoche datierten
Werke verstellt war.

Da es im griechischen Osten nach 133 v. Chr. keine überragende
politische Macht mehr gab, fehlten dort nicht nur bedeutende Auf-
traggeber, sondern es existierte auch keine grosse Zielgruppe mehr,
die man mit Kunstwerken hätte beindrucken können. Die Kunst
zieht sich vielfach in den privaten Bereich zurück, und dort muss
man den wahren Ausdruck der Kunst in der späthellenistischen
Epoche suchen. Das war in Rom anders, wo die Mitglieder der Se-
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