Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 231
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Die Bildnisse der Scipionen

sehen Erbe von 133 v. Chr. auch das Erbe der pergamenischen Kunst
in die Kunst von Rom ein. Horaz sprach in der Widmungsode der
vier Bücher seiner Camtina I 1,12 von den attalischen Bedingungen
als der glücklichsten Form des Übergangs griechischer Staaten in
den Verband des römischen Weltreichs, und er fasste den kunstge-
schichtlichen Vorgang in den berühmten Vers der Epistulae II 1,156:

Graecia capta forum victorem cepit, et artes
Intulit agresti Lotio.

Griechenland erobert, erobert den wilden Sieger,
brachte die Künste dem ländlichen Latium.

38. Die späthellenistische Epoche

Während Plinius seinen Absatz über die Laokoongruppe mit den
Worten einleitete: "Nun ist nicht mehr viel von anderen (zu ergän-
zen: berühmten Bildhauern) zu berichten", möchte man heute die-
sen Satz an den Anfang einer Betrachtung der auf die Laokoon-
gruppe folgenden Schöpfungen griechischer Plastik setzen. Es ist,
wie die Funde nicht nur in Delos, Athen, Rhodos, sondern in ganz
Griechenland, in Kleinasien, Ägypten und Sizilien, ja selbst in Rom
zeigen, eine zahlenmässig sehr grosse Gruppe, aber keine Epoche,
die überragende Bildwerke hervorgebracht hat. Als die grössten Klcopatrn und
muss man die in den folgenden Kapiteln behandelten Werke anse- Dwskurides
hen, deren Auftraggeber und Bedeutung bekannt sind. Delos. Bald nach

Eine nicht unbedeutende plastische Gruppe darf in diesem Buch 138 v. Chr.
über genau datierte hellenistische
Skulpturen nicht fehlen, nämlich
die Marmorstandbilder des Ehe-
paares Kleopatra und Dioskuri-
des in Delos.

Das Werk hat ein sicheres Ent-
stehungsdatum bald nach 138
v. Chr. Der Auftraggeber ist in
diesem Fall eine Privatperson,
und zwar die in der Zweifiguren-
gruppe selbst dargestellte Frau,
welche die plastische Gruppe zu
Ehren ihres Gatten nicht an einem
öffentlichen Platz, sondern in
ihrem Privathaus auf der Insel
Delos errichten liess. Die zunächst
von den französischen Ausgrä-
bern am Fundort selbst, in den
Ruinen des nach der Stifterin ge-

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