Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 236
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Herakles, Telephos und König Mithridates VI. von Pontos

andere berühmte griechische Bildwerke er-
innert, nämlich an den Hermes des Praxite-
les und auch an die Eirene seines Vaters, des
älteren Kephisodotos.

Der Hermes des Praxiteles in Olympia, je-
ne wundervolle Marmorstatue des jugend-
lichen Götterboten, der den kleinen Diony-
sosknaben auf dem Arm trägt, ist das be-
kannteste griechische Meisterwerk unter
den wenigen, die im Original auf uns ge-
kommen sind. Um 340 v. Chr. wurde die
Skulptur gemeisselt und vor hundertzwan-
zig Jahren im Heiligtum von Olympia im
Heratempel an eben der Stelle gefunden,
wo Pausanias (5,17, 3), der antike Baedeker,
sie um die Mitte des zweiten Jahrhunderts
n. Chr. gesehen und in seinem Reiseführer
durch Griechenland als Werk des berühm-
ten athenischen Bildhauers erwähnt hat.
"Sie gehört zu den bekanntesten Antiken
überhaupt, zu jener kleinen Gruppe von
Werken der griechischen Kunst, die jedem
geläufig sind", schrieb Hans-Volkmar Herr-
mann in seinem gründlichen Buch über
Olympia als Heiligtum und Wettkampf-
stätte.

Schon der Vater des Praxiteles, Kephiso-
dotos, hatte zwanzig Jahre vor seinem Sohn
gegen 360 v. Chr. eine vergleichbare Statu-
engruppe geschaffen, eine göttliche Frau
mit ihrem kleinen Kind auf dem Arm, Eire-
ne, die Friedensgöttin. Sie trägt den kleinen
Plutosknaben, die Personifikation des
Reichtums, den der Friede mit sich bringt.
Diese Statue ist nur von römischen Kopien
bekannt, der schönsten davon in der Mün-
chener Glyptothek, wo man eine besser er-
haltene Replik des Knaben aus dem Piräus
eingefügt hat.

Das Original stand, wie wiederum Pau-
sanias (1, 8, 2) berichtet, auf dem Staats-
markt in Athen und war weltberühmt. Die
beiden im Altertum meistbesuchten Stätten
in Griechenland, Athen und Olympia, stell-
ten den Menschen die Statuengruppe einer
Frau oder eines Mannes mit einem drolli-

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