Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 238
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Herakles, Telephos und König Mithridates VI. von Pontos

Die Statue stellt Herakles mit seinem kleinen Sohn Telephos dar,
und man erkennt, dass der Bildhauer sich die beiden berühmten
Statuengruppen des Kephisodot und des Praxiteles zum Vorbild ge-
nommen hat. Er verwendete dabei für die das Kind tragende Gestalt
in eklektischer Weise einen Heraklestypus des vierten Jahrhunderts
v. Chr., der durch mehrere Repliken, der besten davon in der Villa
Albani zu Rom, bekannt ist. Der Bildhauer, der in seinem Werk die
Erinnerung an einen Heraklestypus des vierten Jahrhunderts v. Chr.
und an die aus dem gleichen Jahrhundert stammenden Meisterwer-
ke des Kephisodot und des Praxiteles wachhalten wollte, vermoch-
te es aber nicht, die einzelnen Elemente der Gruppe zu einer so völ-
ligen Einheit zu verschmelzen wie seine klassischen Vorgänger.
Während das Kind zum Vater nach oben schaut, beide Armchen
ausbreitet und Herakles das rechte entgegenstreckt, blickt dieser ge-
radeaus und kümmert sich nicht um das Kind, das jetzt an der Stel-
le sitzt, wo im Vorbild die Keule des Herakles lehnte. Im Lauf der
Zeit erkannte man diese Schwäche des eklektischen Werkes, und
Antonio Canova reihte es nach der Rückkehr aus dem Musee Na-
poleon in Paris im Jahre 1815 in den Statuenwald des Museo Chi-
aramonti ein, zumal es in den vergilischen Kontext des Cortile del
Belvedere nicht mehr passte. Die Skulptur verlor an Interesse, das
sie jetzt unversehens zurückgewinnt, wenn man sie als historisches
Zeugnis und nicht nur unter rein ästhetischen Gesichtspunkten be-
trachtet.

Die Frage ist, ob sich der Bildhauer, weil ihm nichts eigenes ein-
fiel, die beiden berühmten Statuen des Kephisodot und des Praxite-
les zum Vorbild nahm und dazu noch auf einen klassischen Hera-
klestypus zurückgriff, oder ob in diesen Bezügen vielleicht eine er-
kennbare Absicht walten sollte?

Diese Frage lässt sich nur beantworten, wenn es gelingt, die Sta-
tue in ihren historischen Kontext einzuordnen. Das ist tatsächlich
möglich, weil die Bildhauerarbeit nicht nur ungewöhnlich qualität-
voll ist, wie das interessante Urteil Winckelmanns bezeugt, sondern
auch sehr charakteristisch. Die Stilformen verweisen eindeutig auf
eine späthellenistische Bildhauerwerkstatt in Pergamon. Diese
kunstgeschichtliche Bestimmung würde allerdings kaum ausrei-
chen, das merkwürdige Werk zu erklären, wenn nicht eine unver-
kennbare Eigenart hinzukäme: Der kleine Knabe, den Herakles auf
dem linken Arm hält, ist zwar kein anderer als sein Sohn Telephos,
welcher der erste König von Pergamon werden sollte; doch er trägt
die Gesichtszüge eines Erwachsenen mit schräg vorgebauter Stirn-
Nasen-Linie und spitzem, kleinem Kinn, von wo das füllige Unter-
kinn in einer nach unten ausbiegenden Kurve schräg zum Hals mit
seinen Venusringen verläuft. Zu diesem einprägsamen Profil
kommt eine überraschende Lockenpracht auf dem Köpfchen. In
mehreren dicken, ondulierten Strähnen weht die reiche Haarmasse

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