Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 246
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Kleopatra

Ideale Venus
von Kyrene,
Rom, Mus. Naz.
Rotunda Diocletiani

Seite 247-250 oben:
Kleopatra VII.
sog. Venus vom Es-
quüin

Rom, Pal. d. Consent,
z. Zt. Centrale ACEA
Montemartini, Rom,
Via Ostiense
46 v. Chr.

von ihrem Naturell kaum etwas erkennen. Es ist eine der grossen Ent-
deckungen unserer Zeit, dass wir ein Standbild, das mit weiblichen
Reizen nicht geizt, als ihr Konterfei in voller Gestalt kennenlernen.

Paolo Moreno erkannte 1996 in der berühmten sogenannten Ve-
nus vom Esquilin im Konservatorenpalast, zur Zeit ausgestellt in
der Centrale Montemartini an der Via Ostiense in Rom, eine Bild-
nisstatue der mit Anfang zwanzig noch mädchenhaft wirkenden
Kleopatra. Das Standbild muss 46 v. Chr. von Caesar in Auftrag ge-
geben worden sein. Überliefert ist es in der fast vollständigen Mar-
morkopie claudischer Zeit aus den unter Claudius (41-54 n. Chr.) in
kaiserlichen Besitz übergegangenen Gärten des Lamia auf dem Es-
quilin und von einer nur als Torso erhaltenen und deshalb zeitlich
schwer einzuordnenden, aber wohl auch aus claudischer Zeit stam-
menden Kopie mit anderer Haaranordnung im Louvre. Als Enkel
des Marcus Antonius scheint Claudius ein besonderes Interesse an
Kleopatra gehabt zu haben.

Die unverständlicherweise umstrittene Identifizierung ist durch ei-
ne ganze Reihe klarer Indizien gesichert. Das wichtigste ist natürlich
die physiognomische Übereinstimmung mit den bekannten Bildnis-
sen Kleopatras im Vatikan, in Berlin und in Cherchell, die allerdings
aus ihren späteren Lebensjahren stammen und etwas fülliger sind als
das schmalere Jugendbildnis. Die lange, leicht gebogene Nase und
der Schnitt von Augen und Mund sind aber bei allen Bildnissen über-
einstimmend. Vor allem eine Einzelheit, die bei keinem idealen Göt-
terbild Aphrodites begegnet, zeigt, dass ein Porträt gemeint ist, wel-
ches das Mädchen gewiss so schön wie möglich, aber doch als Indi-
viduum erscheinen lässt. Es ist die über die Oberlippe ganz leicht hin-
ausragende Unterlippe. Überhaupt hat der Mund bei allen Bildnissen
eine charakteristische Form. Die Oberlippe ist schmal und lang, die
Unterlippe voll und leicht nach oben gepresst, was den bei aller
Weiblickeit energischen Zug in dem Antlitz begründet.

Ein weiteres Indiz bietet die Form der Stütze, die eine ägyptische
Balustervase mit Papyrusblattschmuck, umwunden von einer
Uräusschlange bietet. Diese Vase steht auf einem mit den Rosen der
Isis verzierten Kästchen. Über das Ganze ist das Gewand der jungen
Frau geworfen. Die Manier, in der die Falten ausgearbeitet sind,
spricht für eine claudische Kopistenwerkstatt. Die Frau hat das Ge-
wand zum Bade abglegt. Mit den erhobenen Händen - nur die lin-
ke, auf dem Nackenknoten liegende Hand ist erhalten - ordnet sie
eine Binde um das schön frisierte Haar. An den Füssen trägt sie San-
dalen, die nur aus den Sohlen mit einem haltenden Winkelriemchen
bestehen und zum Bade angezogen werden.

Besonders aufschlussreich ist die bis auf die glatte Scham er-
staunlich veristische Form des unbekleideten Körpers. Dieser ist in
keiner Weise ideal gebildet, wie man dies bei einer Göttin erwartet,
sondern wirkt wie der einer entkleideten, erotisch reizvollen, jungen

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