Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 249
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Frau. Anstelle einer Göttin, bei der die anatomischen Gegebenheiten
eines Individuums in der Kunst zugunsten einer allgemeinen
Schönheit unterdrückt werden, stellt dieses Standbild die besonde-
ren Reize eines bestimmten weiblichen Wesens heraus. Die eng an-
einandergepressten Schenkel sind voll und viel üppiger als der über
einer ungewöhnlich hohen Taille ansetzende Oberkörper. Das ver-
leiht dem leicht gewölbten Bauch eine gebogene, tief zwischen den
Schenkelansatz hinabreichende Kurve, der die vom hochsitzenden
Rippenrand zu den prallen Glutäen verlaufende untere Rückenlinie
parallel verläuft. Die Schmalheit der Taille und die Rundung des
Unterkörpers sind gegeneinander betont. Die Hüftlinie ist im Ver-
hältnis so hoch nach oben gezogen wie bei keiner anderen nackten
Frauenfigur des Altertums. Auffällig weit auseinanderstehend sind
auch die kleinen, festen Brüste, die recht hoch auf einem muskulö-
sen, aber knappen Brustkasten sitzen. Der Ansatz der Oberarme
zeigt eine volle Schultermuskulatur, als ob diese junge Frau sport-
lich trainiert wäre; alles Eigenarten, die man bei einer Göttin nicht
erwarten darf. Man vergleiche die Statue nur genau mit der auf den
ersten Blick nicht unähnlichen Venus von Kyrene in der Rotunda
Diocletiani des römischen Nationalmuseums (S. 246), um zu erken-
nen, wie ideal diese Statue einer Göttin besonders in den fein aus-
geglichenen Nuancen der Linienführung ist. Die entsprechenden Li-
nien bei der Statue Kleopatras, zum Beispiel der zwischen Hüftan-
satz und Rippenrand nicht durchlaufende, sondern abgesetzte Kon-
tur, verweisen beim Standbild vom Esquilin auf das abgebildete In-
dividuum zurück.

Allerdings entsinnt man sich des Vorwurfs, der nach Plinius [not.
35, 119) dem aus Kleinasien stammenden, freigelassenen Maler Arel-
lius in Rom gemacht wurde. Er hätte berühmt sein können, "wenn er
die Kunst nicht mit skandalöser Infamie degradiert hätte, indem er
sich bei allen Frauen, für die er sich entflammte, dafür bedankte, in-
dem er Göttinnen nach dem Vorbild seiner Geliebten malte". Es ist
ein Charakteristikum des Verismus spätrepublikanischer Zeit, dass
die Künstler ihre Bilder unmittelbar der Natur entnahmen.

Das betraf nicht nur Menschen. Der berühmteste Bildhauer zur
Zeit von Pompeius und Caesar, Pasiteles, benutzte die Gelegenheit,
dass ersterer 55 v. Chr. wilde Tiere für die Arena aus Afrika nach
Rom bringen Hess, einen Löwen durchs Gitter zu betrachten und
nach der Natur zu modellieren (Plin., tut. 36, 4, 40). Nach der Natur
modelliert scheint auch die junge Frau Kleopatra, die neun Jahre
später, im Jahre 37 v. Chr., Marcus Antonius mit ihren weiblichen
Reizen wieder einzufangen vermochte, nachdem er sie 40 v. Chr.
schon einmal zur Geliebten gehabt, aber wegen der Schwester des
Augustus, Octavia, wieder verlassen hatte.

Die unbekleidete Kleopatra vom Esquilin ist eine Skulptur, die
eine bestimmte Strömung der späthellenistischen Bildhauerkunst
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