Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 256
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Der Polyphemgiebel von Ephesos

(Od. 9, 289-290) es erzählt, "gepackt und schlug sie zu Boden wie
junge Hunde; da spritzte das Gehirn heraus und troff auf die Erde".
Diese beiden liegen lang ausgestreckt mit verrenkten Gliedern in
den Ecken des Giebels. Bei der Aufstellung im Brunnenhaus wur-
den sie zu Füssen des Riesen in die Mitte der Komposition gerückt.
Deshalb musste das Podium an der halbzylindrischen Rückwand
der Brunnennische, auf dem die Gruppe in flavischer Zeit gegen 93
n. Chr. aufgestellt wurde, in der Mitte sichelförmig verbreitert wer-
den, und die Plinthe des linken Gefährten wurde segmentförmig
abgearbeitet, damit er vor der Plinthe des Odysseus Platz hatte.
Diese Veränderungen, die man in Gedanken rückgängig machen
muss, führen zu der Erkenntnis, dass die Figuren ursprünglich ei-
ne pyramidal anwachsende Giebelgruppe bildeten. Ein Gefährte,
dessen abgeschrägte Kalotte an die Giebelschräge stiess, bückt sich
nach vorn und schleppt den Weinschlauch heran, aus dem er den
Becher in den Händen des neben Odysseus stehenden Gefährten
füllt. Dieser reicht ihn, sich um die eigene Achse drehend, wie in ei-
ner Kette Odysseus weiter. Odysseus streckt die Arme mit dem ge-
füllten Becher dem Riesen hin, der danach greift. Rechts entspricht
der Dreiergruppe der Weinreichung die einzigartige Gruppe dreier
Gefährten, die den Pfahl anspitzen, mit dem Polyphem geblendet
werden soll. Es ist eine lebendig getroffene Gruppe dreier Männer,
von denen der mittlere den Pfahl über den linken Oberschenkel in
die Leistenbeuge gelegt hat und die dünnere Seite schräg nach un-
ten hält, während der Gefährte links von ihm den Pfahl am dicke-
ren Ende oben unterstützt und der dritte rechts sich nach vorn
beugt, um den Baumstamm, der dem Riesen als Stecken diente und
von dem Odysseus oben ein Stück abgehauen hatte, mit dem
Schwert anzuspitzen. Mit der Erfindung dieser Dreifigurengruppe,
die den drei Figuren der Weinreichungsgruppe auf der anderen
Seite in lockerer Weise entspricht und für die ein anderweitiges
Vorbild nicht nachzuweisen ist, zeigt der späthellenistische Bild-
hauer, dass er zur Entwicklung interessanter Bewegungsmotive
durchaus noch in der Lage ist.

Im übrigen ist der Stil der ausgemergelten Figuren aber kraftlos.
Sie haben spannungslose Gliedmassen und einen steifen Stand.
Die Muskulatur wirkt weich, wie geknetet. Die Proportionen sind
unsicher, die Gewandfalten sind röhrenartig und unstofflich. Das
Ganze macht einen leblosen Eindruck. Die Kunst ist an eine Gren-
ze gestossen, wo es in dieser Richtung nicht weitergeht. Der ein-
zigartige Prozess der allmählichen Eroberung der Natur und des
Realismus, den die griechische Kunst mit unglaublicher Zielstre-
bigkeit von der geometrischen über die archaische, klassische und
hellenistische Kunstepoche verfolgte und durchlief, ist zu seinem
Ende gekommen.

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