Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 258
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Rückblick

Tychc des Eutychides

Seite 25

Um 300 v. Chr.

Aphrodite

des Kephisodotos

und Timarchos

Seite 47

Um 290 v. Chr.

seidon und die Aphrodite von Melos, der ins Knie gesunkene Krie-
ger von Delos, der liegende Hermaphrodit und viele andere, nicht
zu vergessen die zahllosen hochbedeutenden und wahrhaft künst-
lerischen Werke der Kleinkunst, bestimmen so stark das Bild der
Kunstepoche des Hellenismus, dass sie in einer Kunstgeschichte
nicht fehlen dürfen. Doch darum ging es hier nicht, sondern um die-
jenigen Werke, die man historisch festlegen kann, weil entweder ihr
Auftraggeber, ihr Schöpfer oder die Erwähnung durch einen anti-
ken Betrachter dazu berechtigen. Das bedeutet nicht, dass man die
genannten Werke, bei denen eine solche Überlieferung fehlt, nicht
aus inneren Kriterien datieren oder durch kunstgeschichtliche Er-
wägungen in den Entwicklungsgang einordnen könnte. Es bleibt
aber in anderer Weise hypothetisch als das hier Ausgeführte. Auch
diese Ausführungen kommen beim Stand unseres Wissens ohne
Hypothesen nicht aus. In jedem einzelnen Fall beruhen diese Hypo-
thesen aber nicht auf einem einzigen Indiz, sondern sie sind jeweils
durch voneinander unabhängige Hinweise abgestützt. Das Bild ei-
ner Entwicklung der hellenistischen Plastik als einer autonomen
Kunstgattung ist dadurch begründet und sollte deshalb aus metho-
discher Rücksicht durch Kunsturteile aufgrund innerer Kriterien,
die in jedem Fall subjektiv sind, weder verunklärt, noch bereichert
werden.

Nach der idealen Erfassung der Natur in der klassischen Kunst
des fünften und vierten Jahrhunderts v. Chr. sucht die hellenistische
Kunst zum ersten Mal in der Geschichte der Weltkunst den Realis-
mus unmittelbar zu erfassen, bleibt sich aber bewusst, dass noch et-
was Künstlerisches hinzukommen muss, das als Schönheit und
Grösse definiert wird. Diese beiden Ingredienzien werden häufig
schon in der Wahl des Gegenstandes von vornherein eingeführt. Sie
werden aber auch durch die souveräne Beherrschung von Stilmit-
teln der klassischen Kunst und besonders derjenigen des Schönen
Stils eines Skopas, Praxiteles und Lysipp gesichert, welche die
Künstler teils unbefangen, teils bewusst verwenden und sich unter
der Meisselführung anverwandeln. Sie schauen nicht nur auf die
Natur als ihren Gegenstand, sondern auch auf die Art und Weise,
wie vorbildliche Künstler die Natur in eine dauerhafte, unvergäng-
liche Form gebracht haben. Das Mass, in dem das geschieht, unter-
liegt modischen Strömungen. Denn auf jeden Fall gibt es ausser der
Wahl eines möglichst bedeutenden Gegenstandes und der Tradition
klassischer Gesetzmässigkeit noch ein weiteres Element der Kunst-
übung, das eigentlich für den Stil dieser Epoche verantwortlich ist.
Man kann es einfach als das Prinzip der Steigerung bezeichnen. Das
mag bis zur Übertreibung gehen, wird aber in den herausragenden
Kunstwerken nicht weniger als in der Handwerkskunst mit gros-
sem Nuancenreichtumg gehandhabt, der nicht aufdringlich wirkt.
Das lässt sich nicht alles beschreiben, sondern nur sehen. Wie Ari-

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