Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 259
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Rückblick

stoteles in dem als Motto dieses Buches gewählten Satz bemerkte,
"vermittelt uns die Sinneswahrnehmung des Sehens am meisten
Kenntnisse und offenbart uns viele Eigentümlichkeiten der Dinge".

Das erste hier betrachtete Bildwerk, die Tyche des Eutychides
setzt sich in ihrer fülligen Gestalt, in der Zufälligkeit ihrer Bewe-
gung, in der Gegensätzlichkeit der Elemente Körper, Gewand, We-
senheit und Erscheinung deutlich von allen vorhergehenden Kunst-
schöpfungen ab, zeigt aber Eigenheiten, die man auch noch bei den
letzten Werken hellenistischer Plastik beobachten kann. Das recht-
fertigt es, die hellenistische Plastik als Ausdruck einer eigenen
Kunstperiode zu behandeln. Werke wie die Sitzbilder der Dichter
und Philosophen Menander, Epikur, Poseidippos, Chrysippos, An-
tisthenes zeigen, wie die Bildhauer die Möglichkeiten auszuschöp-
fen versuchen, die in diesem Motiv beschlossen sind, das Eutychi-
des in der sitzenden Tyche, fast ist man versucht zu sagen: pro-
grammatisch vor Augen gestellt hat.

Im übrigen sind es die Bildnisse historisch herausragender Ge-
stalten, die einen Leitfaden der Entwicklung abgeben. Ihre Indivi-
dualität wird in hellenistischer Zeit genau zu erfassen gesucht. So
kommt wie von selbst ein Zug der jeweiligen Zeit in die plastischen
Werke. Aber auch an Göttergestalten, vor allem zwei der hellenisti-
schen Zeit besonders wichtigen, Dionysos und Aphrodite, lässt sich
ein kontinuierlicher Wandel der Erscheinungsform verfolgen. Ein
weiteres bedeutendes Thema hellenistischer Plastik sind grosse
Skulpturengruppen sowohl mythischen als auch historischen In-
halts. Vielfach wird Historisches in mythisches Gewand gekleidet,
so dass man hier nicht unbedingt eine Differenzierung vornehmen
muss. Die Skulpturengruppen entwickeln sich zu immer komplexe-
ren Formen und erleben einen Höhepunkt in der grossen Skylla-
gruppe vom Typus Sperlonga, die eine Ziel- und Wendemarke der
Kunstentwicklung im Hellenismus darstellt.

An diesem Punkt der Entwicklung, im ersten Viertel des zweiten
Jahrhunderts v. Chr., kommt es zu einer entscheidenden Neuerung,
die aus einer sich anbahnenden Sackgasse der Festschreibung klas-
sischer Formen bei der Erfassung des Realismus der Natur heraus-
führt. Es geht dabei nicht nur um eine Steigerung der in der Natur
vorgefundenen Formen, sondern um eine häufig nicht übertriebene,
aber doch deutlich sichtbare Verformung. Die Einführung dieses
Stilmittels ist mit dem Namen des Phyromachos verbunden, voll-
zieht sich aber auf so breiter Front, dass man hier den Ausdruck ei-
ner ganzen Epoche erkennen darf, deren höchster Exponent Phyro-
machos war. Nicht zu Unrecht wurde er in die Liste der berühmte-
sten griechischen Bildhauer aufgenommen. Seine als die eines na-
mentlich bekannten Exponenten einer breiten Strömung zu sehende
Neuerung bestimmt das Bild in der zweiten Halbzeit der Gesamt-
epoche, und sie gibt den Künstlern ganz neue Möglichkeiten an die

Aphrodite des
Doidalsas Seite 67
Um 260 v. Chr.

Artemis Seite 87
277-273 v. Chr.

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