Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 263
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Ergebnis: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik

Steuermann
Seite 170

bedeutende Rolle spielen sollte, wenigstens implizit nachgewiesen
werden kann. Als Aussage über die Absicht eines Auftraggebers hel-
lenistischer Zeit ist der Gedanke, dass die Kunst sein Gedächtnis in
der Geschichte erhalten könnte, nicht überliefert. Wo man es nach-
weisen kann, ging es vielmehr im allgemeinen darum, mehr oder
weniger umrissene Zielgruppen durch die Aufstellung eines Kunst-
werkes zu beeindrucken und in politischem Sinn günstig zu stim-
men. Das ist besonders bei allen Siegesmonumenten der Fall, die
zweifellos implizit auch eine Verewigungsabsicht verfolgen. Diese
wird aber nicht ausdrücklich genannt, sondern es geht darum, durch
begleitende Massnahmen, zu denen auch die propagandistische
Aufstellung von Kunstwerken gehörte, die durch einen Sieg errun-
gene Stellung zu behaupten und auszubauen. Das jedenfalls scheint
der Sinn der ptolemäischen Siegesmonumente, der Galliergruppen,
der Nike von Samothrake, der Athena und der Nike von Hierapyt-
na, der Skyllagruppe oder des Pergamonaltares, zu sein. Eine be-
stimmte politische Aussage hatten nach unseren Überlegungen auch
die Dirkegruppe des Apollonios und Tauriskos von Tralleis, der Um 180 v. Chr.
Ganswürger des Boethos, die Laokoongruppe, die Gruppe des He-
rakles und Telephos in Pergamon und der Polvphemgiebel von
Ephesos. Wie bei den Herrscherbildnissen wird in diesen Bildern, in
den mythologischen Metaphern, ein Machtanspruch vorgetragen,
der durch die persönliche Präsenz der Auftraggeber - sei es im Bild-
nis, sei es metaphorisch - besonderen Nachdruck erhält.

Überhaupt scheint der Gedanke der Präsenz, die im Kunstwerk
erreicht wird, gerade beim Realismus hellenistischer Skulpturen
nicht unwichtig zu sein. Wenn, wie man mit guten Gründen ver-
muten darf, Caesar der Auftraggeber einer Bildnisstatue der Kleo-
patra, seiner Geliebten und der Mutter seines Sohnes, war, dann
darf man des weiteren annehmen, dass er die schöne Gestalt gern
vor Augen hatte. In den heute allein noch erhaltenen claudischen
Kopien der letzten Ptolemäerin geht es natürlich um ihre Verewi-
gung als Isis. Bei allen anderen Herrscherbildnissen hatte gewiss die
Gegenwart des Herrschenden im Bild eine eklatante Bedeutung.

Eine besondere Rolle als Auftraggeber spielten auf jeden Fall die
religiösen Gemeinschaften, zu denen ganze Staaten zählten sowie
die von ihnen eingesetzten Verwalter von Tempeln und Heiligtü-
mern. Beispiele dafür sind die Themis des Chairestratos in Rham-
nus oder die Kultgruppe von Damophon in Lykosura. Dass solche *
religiösen Gemeinschaften die Götterbilder in Auftrag gaben, war Gigant
so selbstverständlich, dass es in der Überlieferung keiner besonde- ?J^,*fr
ren Erwähnung bedurfte und deshalb hier auch nicht gesondert her-
angezogen werden kann. Man muss aber bedenken, dass es in der
hellenistischen Kunst Werke wie die grossen Götterbilder klassi-
scher Zeit, das heisst zum Beispiel wie die Goldelfenbeinbilder der
Athena im Parthenon zu Athen und des Zeus in Olympia, beide von

Um 165 v. Chr.
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