Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 270
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Schlussbetrachtung: Auftraggeber, Schöpfer und
Betrachter der Skyllagruppe und der Laokoongruppe

Ganynted
Sperlonga,
Mus. Arcli.
4-26 n. Chr.

Venus Genetrix
Sperlonga,
Mus. Arch.
4-26 n. Chr.

bracht worden, sondern sie wurde für diesen Aufstellungsort be-
stellt und an Ort und Stelle ausgearbeitet.

Der Auftraggeber kann dann kaum ein anderer gewesen sein als
der Besitzer der Villa, der sich durch die Aufstellung des Ganymed
als Mundschenk Jupiters auf Erden, durch die Darstellung der Hel-
dentaten seines Stammvaters Odysseus in vier (oder fünf?) drama-
tischen Skulpturengruppen und durch die Verehrung der Venus Ge-
netrix in einem grossen Relief und des Julus in einer Herme im Aus-
stattungsprogramm von Sperlonga als claudischer Kaiser und zu-
gleich als Adoptivsohn des Augustus zu erkennen gibt. Es war -
und darin stimmen die meisten Forscher überein - kein anderer als
Tiberius, der sich in der Inschrift des Dioskurentempels auf dem Fo-
rum Romanum als Claudianus bezeichnet, also stolz war auf seine
doppelte Abstammung von Odysseus und dessen Sohn Telegonos
und von Aeneas und dessen Sohn Julus.

Durch den Auftraggeber ist die Skyllagruppe von Sperlonga in
die beiden Jahrzehnte zwischen 4 und 26 n. Chr., also in die Zeit
nach der Adoption des Tiberius ins Haus der Julier am 26. Juni 4
n. Chr. und vor dem Steinschlag in der Grotte von Sperlonga im Ok-
tober 26 n. Chr., unverrückbar datiert.

Die Frage nach dem Schöpfer der Gruppe ist dadurch und durch
die Signatur der drei Rhodier allerdings nicht beantwortet, denn
diese haben sich durch die Anfertigung der Palladionraübgruppe
und der Polyphemgruppe, von denen es andere unabhängige Re-
pliken gibt, und durch die mit wenigen Meisselhicben vollzogene
Umwandlung der ebenfalls in vielen Repliken bekannten soge-
nannten Pasquinogruppe in eine Gruppe der Bergung des Leich-
nams des Achill durch Odysseus unmissverständlich als Kopisten
erwiesen. Auch die Skyllagruppe muss eine Kopie nach einem
hochhellenistischen Bronzeoriginal sein. Das geht nicht nur aus den
vielen Puntelli hervor, die als Verstrebungen für den Marmor not-
wendig waren, sondern auch aus der Darstellung eines bestimmten
Schiffstypus, nämlich der rhodischen Trihemiolia, die nach 168
v. Chr., also seit fast zweihundert Jahren aus dem Gebrauch gekom-
men war und die die Bildhauer kaum noch kennen konnten, es sei
denn, sie fanden sie so in ihrem Vorbild vor.

Bei der Frage nach dem Original der von diesem Kopistenatelier
signierten Skyllagruppe kommt das Urteil eines Betrachters des an-
deren berühmten Werkes der Skyllabildhauer ins Spiel, nämlich das
Urteil des Plinius (nnt. 36, 37) über die Laokoongruppe. Er kannte
mehrere Versionen derselben, darunter eine aus Bronze, statuariae
artis, zog aber diejenige ex uno lapide, also aus Marmor, vor. Unter
Berücksichtigung der Tatsache, dass dieselben Bildhauer die Kopie
der Skyllagruppe in Sperlonga signiert haben, darf man annehmen,
dass auch die Laokoongruppe eine Kopie ist. Das geht auch aus Be-
obachtungen an der Skulptur selbst hervor, die den Mantel des älte-

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