Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 271
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Schlussbetrachtung: Auftraggeber, Schöpfer und
Betrachter der Skyllagruppe und der Laokoongruppe

ren Sohnes in unlogischer Weise als Stütze benutzt. Dass es ein -
wahrscheinlich pergamenisches - Bronzeoriginal der Gruppe gab,
lehrt andererseits die Abhängigkeit der Gruppenkomposition von
der Athena-Alkyoneus-Gruppe des Pergamonaltares, und es geht
auch aus den Worten des Plinius über eine Laokoongruppe aus
Bronze - statuariae artis - hervor. Es ist also nicht eine vereinzelte In-
schrift wie die von Lindos, welche zur Erkenntnis der Laokoon-
gruppe in ihrer geschichtlichen Stellung führt, sondern ein ganzes
Netz von Beziehungen trägt dieses Ergebnis.

Man hat dabei von den Bildhauernamen auszugehen, die Plinius
bei der Betrachtung der Gruppe an ihrem früheren Aufstellungsort
im Palast des Kaisers Titus erwähnt. Der "Betrachter" Plinius nennt
aber nicht nur denjenigen, der sie zu seiner Zeit, das heisst in den
siebziger Jahren des ersten Jahrhunderts n. Chr., besass, sondern er
nennt auch den Auftraggeber der Marmorkopie, nämlich das Consi-
lium. Auch wenn man die Ausarbeitung der Skyllagruppe auf ihrem
Sockel in der Höhle von Sperlonga nicht - aus anderen Gründen -
in die Zeit des Tiberius datieren könnte, so würde die Nennung des
Consilium als Auftraggeber ein Datum für das Wirken des rhodi-
schen Kopistenateliers in eben diese Zeit ergeben, denn nur von Ti-
berius ist cxprcssis verbis überliefert (Sueton, Tib. 55), dass er Consi-
liarii in öffentlichen Angelegenheiten, das heisst einen Staatsrat hat-
te. Es ist der klassische Fall, bei dem die Frage nach Auftraggeber,
Schöpfer und Betrachter hellenistischer Plastik zu einem eindeuti-
gen, an keiner Stelle in sich widersprüchlichen Ergebnis führt. Die
Laokoongruppe ist eine Marmorkopie der Zeit des Tiberius nach ei-
nem hellenistischen Bronzeoriginal, das man aus anderen Gründen,
die oben, in Kapitel 36, abgehandelt wurden, mit einiger Wahr-
scheinlichkeit um 140/139 v. Chr. datieren kann.

Man möchte sich nicht gerne dem Vorwurf aussetzen, den Goethe
in seinen Maximen (47) folgendermassen formuliert hat: "Gegner
glauben uns zu widerlegen, wenn sie ihre Meinung wiederholen und
auf die unsere nicht achten." Erstens glaube ich, meine eigene Mei-
nung stets mit neuen Argumenten begründet zu haben, und zweitens
bin ich auf die Argumente derer ausführlich eingegangen, die eine
Datierung der Skulpturen von Sperlonga in vor- oder nachtiberische
Zeit vertreten haben. Trotzdem kann meine Meinung irrig sein. Des-
wegen ist zu betonen, dass scharfsinnige und geistreiche Argumente
- auch die eigenen - wertlos sind gegenüber Fakten. Auf folgenden
Fakten muss man beharren: Vor allem, dass die Skyllagruppe nach
der Ausarbeitung am Ort, auf ihrer Basis, nicht mehr transportabel
war; sie ist also für die Grotte von Sperlonga in Auftrag gegeben wor-
den. Das zieht wegen der Ubereinstimmung des Bildhauerstiles die
gleiche Aussage für die übrigen Gruppen der Skulpturenausstattung
des Praetorium Speluncae nach sich. Diese bestehen aus dokimeischem
Marmor, der nach der Aussage des Strabo in seinen um 18 n. Chr. ver-

Älterer Sohn
des Laokoon
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Kopie 14-31 n. Chr.

julus
Sperlonga
Mus. Arch.
4-26 n. Chr.

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