Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 272
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Schlussbetrachtung: Auftraggeber, Schöpfer und
Betrachter der Skyllagruppe und der Laokoongruppe

fertigten Geographischen Kommentaren (5, 252, letzte Eintragung
23./26 n. Chr.) erst zu seiner Zeit in grossen Blöcken verarbeitet wur-
de. Das Ausstattungsprogramm von Sperlonga lässt sich, was den
Inhalt angeht, zwanglos nur auf Tiberius beziehen. Wenn man die
Datierung der Statuenausstattung von Sperlonga in die Zeit des Ti-
berius in Zweifel zieht, müssen sowohl die Fakten anders erklärt als
auch die inhaltliche Interpretation wieder aufgenommen werden.
Es ist klar, dass eine Laokoon- oder eine Skyllagruppe, die als eklek-
tische Werke irgendwann in der Zeit des Triumvirates oder der
Frühzeit des Kaisers Augustus in Rom ausgeführt wurden, gegenü-
ber solchen, die in hellenistischer Zeit als Bronzeoriginale geschaf-
fen und zur Zeit des Kaisers Tiberius für ihn oder für Sperlonga ko-
piert wurden, eine grundverschiedene Interpretation sowohl als
Originale als auch als Kopien verlangen. Um die hier vertretene
Meinung zu widerlegen, bedürfte es demnach auch einer inhaltli-
chen Diskussion im Hinblick darauf, was welcher Auftraggeber
durch welchen Künstler, welchem Betrachter in Sperlonga mitteilen
wollte. Eine allgemein überzeugende Beurteilung der Funde von
Sperlonga sollte diese Fragen und auch die nach der ursprünglichen
Bedeutung der Laokongruppe nicht offenlassen.

Schliesslich ist auch klar, dass, solange von einem Verständnis der
Entwicklungsgeschichte hellenistischer Plastik nicht gesprochen
werden kann, so lange die Zeitstellung von wirklich epochalen
Schöpfungen, wie die Skylla- und die Laokoongruppe sie darstel-
len, nicht geklärt ist. Diese Klärung scheint durch die Signatur von
Sperlonga möglich geworden zu sein. Mit der Entdeckung von
Sperlonga beginnt deshalb eine neue Phase der Erforschung helle-
nistischer Plastik. Dem trägt dieses Buch Rechnung.

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