Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 275
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/andreae1998/0279
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
Ausblick

nach rechts - gewandten Köpfe sitzen auf
einem langen, von Venusringen durchzo-
genen Hals. Die ausladenden Schädel von
knapper Gesamtgrösse haben schütteren
Haarwuchs. Die Haare sind flach einge-
schnitten, die Hautfalten sind kleinteilig
und nervös und in keiner Weise ornamen-
tal. Auch die Augen sind klein, blicken
aber scharf, was durch die Kürze der Fal-
ten in den Augenwinkeln betont er-
scheint. Besonders bestimmend für den
Ausdruck ist der bei beiden Bildnissen
keinesfalls füllige, und doch sehr ver-
schieden geschnittene Mund, der bei Po-
seidonios in seiner zusammengezogenen,
gekräuselten Form von einer leichten Bit-
terkeit des Nachgeschmacks der Worte
und Gedanken zeugt. Bei Caesar ist der
Mund fest geschlossen. Er wirkt ent-
schlossen. Es ist erstaunlich, wie mit den
gleichen Stilmitteln eine so verschiedene
Psychologie ausgedrückt werden kann:
die Melancholie des Sentiments bei Posei-
donios, die Überlegenheit des Wollens bei
Caesar. Die Bildung der beiden Männer war vergleichbar, ihre Caesar
Weltsicht grundverschieden. Castello Aglic

Ausserordentlich war das enzyklopädische Wissen des aus Syri- "n Turin.
en, aus dem Osten des Imperiums stammenden, tiefreligiösen Phi-
losophen, der den endgültigen Zusammenbruch des seleukidi-
schen Reiches in seiner Jugend und das Scheitern Mithridates' VI.
als reifer Mann erlebte und dabei auf Seiten der Bundesgenossen
Roms stand. Besonders den endgültigen Sieger über Mithridates,
Pompeius Magnus, hat Poseidonios hochgeschätzt. Auch Caesar
muss den Philosophen gekannt haben, da er 76-73 v. Chr. bei Mo-
Ion in Rhodos studierte, zur gleichen Zeit, als auch Poseidonios
dort lehrte. Man nimmt an, dass Caesars Aussagen über die Ger-
manen aus Aufzeichnungen des Poseidonios stammen. Von Posei-
donios sind wenigstens 25 Buchtitel über Themen der Geographie,
Geologie und Kosmologie, der Ethnographie, der Religion, der Ge-
schichte und besonders der Philosophie und der Psychologie be-
kannt. Als Systematiker war er einzigartig. In seiner allgemeinen
Kulturtheorie vereinigte er die alten Traditionsströme einer opti-
mistischen und einer pessimistischen Geschichtsbetrachtung. Die
Menschheit, die in der Verfeinerung ihrer Lebensführung aufwärts
steigt, sinkt, so lehrte er, sittlich abwärts.

Caesar hatte - von ähnlichen Gedankengängen ausgehend -

Um 50 v. Chr.

275
loading ...