Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 276
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Ausblick

die Verfallstendenzen der spätrepublikanischen Politik klar er-
kannt, die auch sein eine halbe Generation jüngerer Zeitgenosse
Sallust (86-35 v. Chr.) eindrucksvoll geisselte. Der Diktator auf
Lebenszeit war, nicht zuletzt unter dem Einfluss der Briefe, die
Sallust an ihn schrieb, davon überzeugt, dass er allein den Staat
noch retten könne. Er stellte der ins Chaos führenden Oligarchie
der Nobilität die Monarchie gegenüber, die sich unter schweren
Geburtswehen als historische Notwendigkeit erweisen sollte. Die
Schlacht von Aktium 31 v. Chr., welche die Übergangszeit been-
dete, markiert auch das Ende des Zeitraums, den wir als Helle-
nismus bezeichnen.

Vergleicht man im Bewusstsein dieses geschichtlichen Vorgangs
die Bildnisse von Poseidonios und Caesar miteinander, so glaubt
man zu sehen, dass als Kunstwerk das erstere retrospektiv und das
letztere prospektiv ist. Es ist nicht ausgeschlossen, wenn auch
nicht sicher zu erweisen, dass im Bildnis Caesars die italischen
Wurzeln des römischen Porträts spürbar werden, die in der römi-
schen Kunst der Kaiserzeit neu zur Geltung kommen, während
das Bildnis des Poseidonios aus einer rein griechischen Bildnistra-
dition zu stammen scheint. Jedenfalls hat der Schöpfer des Philo-
sophenbildnisses sein Modell aus grösster Nähe betrachtet. Er
scheint durch keine theoretische Vorgabe gelenkt, sondern gibt den
Menschen so wieder, wie er ihm begegnet. Im Bildnis Caesars ist
ein Formwille am Werk, der das ungeheure Selbstbewusstsein die-
ses visonären Täters anschaulich machen soll. Hier setzt die Kunst
im Zeitalter der konsolidierten Monarchie unter Augustus an.

Eine neue Epoche zieht herauf, ein Umbruch, wie die wörtliche
Übersetzung des griechischen Wortes epoche lautet. Der Hellenis-
mus wird Geschichte, aber seine Errungenschaften wirken in pe-
riodischer Wiederkehr fort, und eine der bedeutendsten Errun-
genschaften dieser Zeit war es, dass sie zum ersten Mal in der
Weltkunstgeschichte die Schönheit des Realismus als Gegenstand
der Kunst entdeckt und - wie hier darzustellen war - Schritt für
Schritt ausgearbeitet hat. Wenn dann, wie im Bildnis Caesars an-
gedeutet, ein bestimmtes neues Kunstwollen sich durchsetzt, das
nicht mehr die natürliche Realität, sondern eine bewusste intel-
lektuelle Aussage anstrebt, dann ist der Weg betreten, der in das
Zeitalter des Spiritualismus führt. Wie die "ausserordentliche
Ausstrahlung des Poseidonios auf die führenden geistigen Mäch-
te des ausgehenden Altertums, Neuplatonismus und Christen-
rum" zeigt, war er einer der wichtigsten gedanklichen Wegberei-
ter dieses Zeitalters. Auf der anderen Seite kann das Bildnis des
Poseidonios das Ende des in diesem Buch verfolgten stilge-
schichtlichen Weges der hellenistischen Plastik bezeichnen, weil
es als Kunstwerk noch vollkommen der späthellenistischen grie-
chischen Form verschrieben ist.

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