Apfelstedt, Heinrich Friedrich Theodor [Hrsg.]; Fürstlich-Schwarzburgischer Alterthumsverein   [Hrsg.]
Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Fürstenthums Schwarzburg-Sondershausen (Band 1): Die Unterherrschaft — Sondershausen, 1886

Seite: 103
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Westgreussen.

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sog. sächsischen Helbe, die an der Südseite des Dorfes durch Gärten iiiesst,
nachdem sie durch ein hölzernes Mussbett über den Grollbach geleitet worden ist,
und dem sog. Steingraben, welcher an der Nordseite desselben vorübermesst.

Der älteste urkundliche Name des Dorfes ist Gruzzi, den es mit Greussen
und Clingen gemeinschaftlich hatte (vergl. Clingen); 1317 Westgruzen, 1350
Westgruszen, 1382 Westgrüzen und Westgrüssen, 1449 Westgrüssin, 1496
Westgrussen; im Volksdialekt: Westgrissen.

Die Kirche St. Martini, sedes Greussen, wurde 1725 vom Thurme an nach
W. hin neu erbaut. Bis dahin hatte Westgreussen nur eine kleine Capelle, welche
aus dem unteren Kreuzgewölbe des Thurmes und einem östlichen Anbau bestand. Bei
dem erwähnten Neubau der Kirche wurde die Capelle bis zum Thurme abgebrochen,
und der im Thurme befindliche Theil derselben wurde die Sacristei des neuen Kirchen-
gebäudes.

In der Kirche befinden sich neun eximirte Kirchenstände für die neun vor-
mals zu Westgreussen vorhandenen Rittergüter, meistens noch mit dem Wappen ihrer
ehemaligen Inhaber versehen. Auf der untersten Empore links von der Kanzel sind
drei; die der Familien von Selmnitz und von Heringen, Seidler und Gutbier;
rechts von der Kanzel drei: die des F. F. von Dachröden, des C. E. von Dach-
röden und des A. W. Hagen; unter den letzterwähnten, rechts vom Altare, drei:
der Spier'sche und zwei ohne Namen.

Unter den heiligen Gefässen ist erwähnenswerth: ein silberner und ver-
goldeter Abendmahlskelch von 0,19 m Höhe und 0,11 m obern Durchmesser. .Er
hat einen sechstheilig ausgeschweiften Fuss und einen sechstheiligen Knauf; auf einem
der sechs Felder des Fusses ist das Selmnitz'sche Wappen mit den Buchstaben
A. v. S. eingegraben, und auf den sechs vergoldeten fein ciselirten Knaufköpfen stehen
die Buchstaben: I. H. E. S. V. S.

Von den drei Kirch englocken mit 1,6, — 0,85 und 0,45 m Durchmesser
wurde die grosse 1774 von Joh. Georg und Joh. Gottfr. Ulrich zu Apolda und die
mittlere 1873 von C. Friedr. Ulrich ebendaselbst gegossen; die kleine mit der In-
schrift (s. Fig. 41):

Fig. 41.

soll auf der Wüstung Gröbern (s. unten) ausgegraben worden sein.

In der alten Capelle waren zwei Altäre oder Vicarien: Trium regum und
Beatae Mariae Virginis; an dem letztgenannten Altar war ums Jahr 1403 der
Graf Günther XXXIH. von Schwarzburg Vicar, vertauschte aber noch in demselben
Jahre das Vicariat mit einer Domherrnstelle zu Magdeburg, wo er 1405 Erzbischof
wurde. Ein Haus in Westgreussen führt noch heute den Namen Vicar ei und war
wahrscheinlich die Wohnung des£dortigen Vicars.
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