Böttiger, Carl August   [Hrsg.]
Archäologie und Kunst — 1.1828,1

Seite: 163
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unbegrei'fliche Weise, daß auch auf andern Bildwerken, na-
mentlich auf den vcrschiedcnartigen Behandlungen der zwölf
Hauptthaten, Herakles bald bärtig, bald unbartig vorge-
stellt ist *) - So dürfte hier denn wohl das ganze My-
stcrimn in der Ncigung oder dem Geschick jcdes einzclnen
Künstlers für gewisse Formcn, vielleicht auch in außeren
Deranlassungen der verschiednen Werke durch Weihungen
und Gelübde zu suchen seyn. Das jedoch glaube ich als
allgemein gültige Regel wahrgenommen zu haben, daß
Heraklesda, woerbärtiggebildetift, kein
Geschoß, sondern n ur die Keule sührt. Auch
davon ist vielleicht der Grund zu ermitteln, ohne daß man
sich in mystischen Dämmerungen zu verlieren braucht.

Aus dieser Zusammenstellung und Vergleichung erhellt,
daß den auf uns gekommcnen plastischen Behandlungen des
DreyfußraubeS ein altes, bedeutendcs Urbild gemeinsam ge-
wesen seyn muß, wclchcs die folgcnden Künstler mit mehr
oder wenkger Lreue wiederholten, und woran wesentlich nur
die Bezeichnung der Oertlichkeit geändert wurde. Das Ur-
bild in eine frühe Epoche der Griech. Kunstausbildung
hinaufzurücken, berechtigt uns der Styl der Nachbildungen
vollkommen. Unter dicsen dem Dresdner Candelabcrfuß
auch der Zeit nach den ersten Rang zuzusprechen, ist zwar
bedenklich, solange die Anaglyphe von Cerigo und Vellctri
nur aus Nachrichtcn und schlcchten Abbildungen bekannt
sind. Jndeß ist die Arbeit des Dresdner Werkes so vor-
trefflich, besondcrs dcr strcnge Fleiß der Ausführung so be-
zeichnend, daß man sich durchaus geneigt sinden muß, dieß
Denkmaal eineS solchen Vorranges würdig zu
achten. Daß wir jedoch in ihm das Urbild selbst besi-

5) lLoegg ba.^zlril. snt. eli kdoma. Vol.II. roZ.
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