Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 1.1877

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tigen Colombara (bekanntlich ein sehr ausgedehnter Begräbniss-
platz der alten Stadt) liegen, für die gesuchte nordöstliche Mauer-
ecke hielt, von der in Wirklichkeit keine Spur zu sehen ist, und
auf dieser Annahme die ganze Reconstruction aufbaute1).

Zweitens ist es fraglich, mit welchem Rechte man sich diese
zwei angeblichen Mauerecken durch eine in gerader Linie fortlau-
fende Mauer verbunden dachte. Die neuesten Ausgrabungen haben
vielmehr gezeigt, dass die von der Nordwestecke ostwärts sich
richtende Mauer gleich nach kurzem Verlaufe eine starke Biegung
gegen Norden zeigt und zwar eine so stark ausgesprochene, dass
sie, wie mir scheint, nicht einem vorspringenden Thurme ange-
hören kann, wie dies sonst bei dem übrigen Theile der Mauer öfter
vorkommt. Eine endgiltige Entscheidung dieser Frage kann übrigens
nur durch sachkundige Aufnahme und Erörterung der bis jetzt auf-
gedeckten Mauertheile und Thürme gefällt werden. Bei Gelegen-
heit weiter ausgeführter Ausgrabungen sind innerhalb der westlichen
Mauer, in nicht grossem Abstände parallel mit ihr verlaufend, ge-
waltige Substructionen zum Vorschein gekommen, deren Anfang
man ungefähr in der Linie a—ß (auf dem Kenner'schen Plane)
ansetzen kann. Von hier aus laufen diese mit Pilasterstellungen
versehenen Substructionen gegen Südwesten und endigen in einem
gegen die Mauer gerichteten Kreissegment. Man hat dieselben für
Ueberreste eines Circus oder eines Theaters erklärt (vgl. Beilage zur
Augsburger allgem. Zeitung Nr. 129, 9. Mai 1875. Bizzarro Die
neuesten Ausgrabungen in Aquileja, Triest 1875, S.-A. aus der
Triester Zeitung, und Gregorutti in dem weiter unten anzufüh-
renden Werke S. XI). Volles Licht hierüber wird erst die von
Herrn Professor Hauser zu erwartende Publication in den Mit-
theilungen der k. k. Central-Commission für Kunst- u. histor. Denkm.
verbreiten. In dieselbe Gegend, wo diese Ausgrabung stattfand,
setzte Kandier das alte Palatium. Wenn auch für diese Annahme
kein Nachweis erbracht ist, so ist es doch unzweifelhaft, dass hier
nahe dem Ausgangspunkte der Via Annia eine Reihe wichtiger Ge-
bäude gestanden hat2) (Gregorutti p. XI). Nahe dieser Stelle

*) Vgl. übrigens die Kenner'sche Fundkarte, wo die fragliche mit A be-
zeichnete Ecke nicht mit dicken Strichen, wie die wirklich aufgedeckte Ecke B be-
zeichnet wird.

2) Aus dieser'Gegend stammen die fünf grossen Steinmedaillons mit Büsten
des Jupiter, Mars, Mercurius, Vulcanus und der Venus, die im Museum Cassis in
Monastero bei Aquileja aufbewahrt werden.
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