Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 1.1877

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der Höhe und 053 in der Breite Die Arbeit ist roh, die Erhaltung
nicht die beste. Der Stein ist zu Markt Rohitsch gefunden worden.

Die dargestellte weibliche Gestalt ist nur mit einem Oberge-
wande bekleidet, das über dem Hinterkopfe liegt, dann den Ober-
körper vorn ganz frei lassend vom Rücken herum vor den Beinen
her geschlagen und zuletzt über die linke Hand gehängt zu sein
scheint. Ziemlich in Vorderansicht stehend, doch nach links (vom
Beschauer) hin gewandt und leise übergeneigt hebt sie sich auf den
Fussspitzen und lässt mit der r. Hand ein Kind an einem Fusse
gefasst kopfüber herabhängen und zwar über einer in erhöhter Fläche
des Bodens, auf dem sie selbst steht, sichtbaren breitrandig runden
Oeffnung, aus welcher eine wellige Masse abwärts hängt.

Muchar sagt mit Unrecht, sie scheine das Kind an einem am
Boden liegenden Felsen zu zerschellen. Ihrer ganzen Bewegung
fehlt alles Gewaltsame und dann würde sie das Kind eher umge-
kehrt mit der Hand fassen, wie z. B. der Vasenmaler Brygos den
kleinen Astyanax vom Neoptolemos gefasst werden lässt (Heyde-
mann Iliupersis Taf. I.). Schon deshalb passte eine Erklärung,
welche Muchar, als von Suppantschitsch herrührend, anführt,
wenig. Es sollte ein norisches Weib dargestellt sein, das in der
Verzweiflung des Kampfes (Florus IV, 12) ihr Kind den römischen
Soldaten entgegenschleudere. Solche local-historische Beziehungen
auf römischen Provinzial-Monumenten zu suchen, ist ausserdem be-
kanntlich ebenso misslich, wie es verfehlt war, wenn man ehedem
in Rom die antiken Bildwerke vorzugsweise aus der römischen Ge-
schichte zu deuten liebte. Portraitgestalten des gleichzeitigen rö-
mischen Alltagslebens wiegen zwar auf den Provinzial-Monumenten
sehr vor, daneben bleibt aber, wie für den gesammten römischen
Bildervorrath, Haupterklärungsquelle der griechische Mythos.

Griechischen Mythos und locale Beziehung sucht Muchar selbst
in seiner allerdings nur in Geleit eines Fragezeichens gebotenen
Erklärung zu mischen. Er sieht die kindermordende Medea, die ja
Donau und Save aufwärts bis Aemona gekommen sei. Diese locale
Beziehung billigerweise bei Seite gelassen, bleibt die Deutung auf
Medea auch sonst unhaltbar. Nur ein Kind, nicht mit dem Schwerte
tödten, Unbeachtetbleiben der bei der Knappheit des plastischen
Vortrages unmöglich nichtsbedeutenden runden Oeffnung mit der
herabfliessenden Welle am Boden, das spricht genugsam gegen
diese Deutung.

Eine offenbar in ganz gleicher Handlung begriffene, nur von
ihrer r. Seite her anstatt von vorn gesehene Frau kam als Pilaster-
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