Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 1.1877

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relief unter den Ueberresten des römischen Theaters zu Champlieu
(Oise) im Jahre 1850 zum Vorschein {Revue archeol. VIII, 1. 1851.
pl. 160, 5). Die Bekleidung der Frauengestalt ist im Wesentlichen
dieselbe, wie auf dem steierischen Relief. Am Boden unter dem
herabhängenden Kinde bemerkt man in der angeführten Publication
eine wellige Strichelung. Links hinter der Frau steht ein zwei-
henkeliges Gefäss auf einem Pfeiler, wie er sonst wohl als Grab-
aufsatz vorkommt.

Der Herausgeber Caillette de FHervillier erklärt aus dem
vgriechischen Mythos, aber anders als Muchar. Er erkennt Ceres,
welche den kleinen Demophon in's Feuer tauche. Er nimmt, was
die Zeichnung durchaus nicht zweifellos deutlich zeigt, im Haare
der Frau Aehrenbekränzung an; die Strichelung am Boden sind ihm
Flammen.

Zum zweitenmale gab mit Herübernahme der Erklärung auf
Ceres und Demophon das Relief von Champlieu heraus Peigne-
Delacourt (le theatre de Champlieu. Noyon 1848. pl. III, 8). Die
Zeichnung wird als eine Restitution bezeichnet und gibt offenbar
richtig die r. Hand der Frau, welche das Kind am Beine fasst, was
in der ersten Zeichnung in der Revue archeologique ganz unverstanden
verwirrt ist. Der Zeichner Thiollet, von dem Delacourt's Abbildung
herrührt, hat jedoch, vermuthlich unter dem Einflüsse der Erklärung
auf Ceres und Demophon interpolirend, Aehren im Haare der Frau
bis in;s Einzelne ausgeführt und ebenfalls die Flammen unter dem
Kinde weit deutlicher gezeichnet, als sie in der Strichelung der ersten
Publication zu erkennen sind. Das Original habe ich nicht gesehen,
aber hier verdient offenbar die erste ohne Verständniss des Darge-
stellten gemachte Zeichnung mehr Glauben.

Dass die weibliche Gestalt grossentheils nackt ist, passt durch-
aus nicht für Demeter; das kopfüber in's Feuer Halten des Kindes
ist gegenüber den Dichterschilderungen mindestens auffallend; dass
ausserdem die vorausgesetzte Scene in der bildenden Kunst des
Alterthums sonst bis jetzt nicht nachweislich ist macht es weiter
unwahrscheinlich, dass man ihr auf spätrömischen Bildwerken be-
gegnen sollte, wo eine Anzahl durch häufige Darstellung zu bild-
lichen Formeln ausgeprägter Mythen vorherrscht.

Caillette de FHervillier hat auch bereits an eine andere Erklä-

*) Eine Bacchantin ein Kind neben einem Feuer schwingend auf einem athe-
nischen Knochenrelief bei Schöne griech. Reliefs n. 148.
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