Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 1.1877

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lassen, sondern nur die Brust und den Leib bezeichnen zu kön-
nen 5 und dies wird vollends durch den zwar schwachen, doch
sichern Umriss des rechten Beines zur Gewissheit. Es dürfte aber
überhaupt fraglich sein, ob jene anomale Bildung schon in älterer
Zeit angenommen ward. Für uns ist sie jedenfalls vor dem aus
orphischer Afterweisheit schöpfenden Nonnos nicht nachweislich,
dessen Zeit zwischen Gregor von Nazianz einerseits und Suidas
andrerseits, d. h. zwischen das vierte und zehnte Jahrhundert fällt.

Die Gründungssage der hellespontischen Stadt Priapos kannte
als Mutter ihres Schutzgottes anstatt der Aphrodite eine Nymphe 18)^
welche bald Chione 19), bald, wie es scheint, Perkote genannt
ward 20). Man könnte also auch an diese bei der davongehenden
Mutter denken. Allein da die einzelnen Umstände unseres Reliefs
so vortrefflich mit der Erzählung von der Aphrodite beim Scho-
liasten zum Apollonios übereinstimmen, so ist kein Grund eine Ab-
weichung von der lampsakenischen Sage anzunehmen, welche weit-
aus die verbreitetste war 21). Dass aber die Nymphen des Wald-
gebirges zur Stelle sind um die Pflege des verlassenen Kleinen zu
übernehmen, ist so natürlich, dass es dafür der Annahme einer be-
sonderen Ueberlieferung, wie Zoega wollte, kaum bedarf; Priap ist ja
der Nympharum Bacchique comes, quem pulchra Dione divitibus silvis
mimen dedit, der Bacchi tutor Dryadumque voluptas 22).

Bis es vielleicht einmal gelingt die verlorene Rückseite in
einer älteren Zeichnung oder Beschreibung wiederaufzufinden, kann
als eine Art Ersatz das von Zoega BR. Taf. 80 abgebildete alba-
nische Relief gelten. Hier lehrt der völlig nackte kahlköpfige Silen
den ebenfalls kahlköpfigen Priaposknaben einen Muschelwagen len-
ken, welcher mit einem Bock und einer Pantherin oder Löwin be-
spannt ist. Im Hintergrunde sind einige Baulichkeiten, ein kahler
Baum und eine Herme des Lordon leicht angedeutet. Der Inhalt,
die Erziehung des jungen Priapos, ist nicht minder singulär als die
Geburtsscene der Ära von Aquileia.

18) Strab. 13 p. 587.

19) Schol. Theokr. 1, 21.
50) Hesych. T7pir]Ta&oc.

21) Paus. 9, 31, 2. Diod. 4, 6. Steph; Byz. Admimxoc. Petron. 133. Phi-
argyr. Verg. Georg. 4, 11.

22) Petron. 133. Der ganze Vorgang erinnert sehr an die artige Scene des
homerischen Hymnos auf Pan (19, 35 ff.), wo die Mutter das Kind, acpap xepa-
tuuttöv i6eo~9ai, geboren hat: cpeCye o' ävaiZaoa, \mev ö' dpa ircu6J ctxiOrivov
beloe jap ibc löev övpiv dueiXixov. Hermes aber, der Vater, hat seine Freude
an dem ungestalten Sprössling und zeigt ihn den Göttern.
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