Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 1.1877

Seite: 88
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Die zweite, vermuthlich linke Nebenseite (Tafel VI) ent-
spricht in ihrer ganzen Anlage der anderen. Auch hier derselbe Fels-
boden, an dessen rechtem Rande ein hochstämmiger Feigenbaum
emporwächst 23). Unter seinem Laubdache steht auf einer niedrigen
viereckigen Steinplatte der Gott Priapos, im Ganzen in jener orien-
talischen, wahrscheinlich lampsakenischen Bildung, welche nament-
lich durch O. Jahn in den beiden obengenannten Aufsätzen nach-
gewiesen worden ist. Es ist danach unnöthig die Einzelheiten weit-
läufiger zu erörtern. Ins Auge fällt vor Allem das Hermaphro-
ditische der ganzen Körperbildung. Nach dem Kopftuch in Verbin-
dung mit den schlaffen Zügen des Gesichtes, dem langen ärmellosen
Chiton und den wo nicht geradezu weiblichen so doch äusserst
weichlichen Formen der Brust würde man, wie das auch anderen
Bildern gegenüber der Fall ist, an Pomona denken können, welcher
ja der reich mit Früchten gefüllte Schurz des Gewandes ganz wohl
zukommen würde. Hervorzuheben ist namentlich die verhältnis-
mässig seltene Unbärtigkeit; denn irrthümlich hat sich Jahn (sächs.
Ber. S. 238) durch Zoegas Ausdruck adulto verleiten lassen, bär-
tige Bildung anzunehmen. Die Bartlosigkeit kehrt wieder bei einer
von E. Braun24) besprochenen Marmorstatue, vermuthlich derselben,
von welcher mir eine Zeichnung aus Jahns Nachlass vorliegt; hier
fehlt aber das Kopftuch, und auch die Brust ist flach. Weibischer
und jugendlicher erscheint der Gott auf einem griechischen Relief25),
wo wiederum der Fruchtschurz fehlt. Noch jünger, fast im Knaben-
alter, tritt uns Priapos in einem in mehrfachen Wiederholungen
vorhandenen herculanischen Bilde entgegen 26). Wenigstens scheint
Welckers Deutung auf Priapos der anderen auf den jungen Diony-
sos vorzuziehen, da für diesen die Enormität des lang herabhän-
genden Gliedes kaum zulässig, für Priap dagegen auch sonst nach-
weislich ist 27). Mit unserem Relief stimmt dort die niedrige Basis
überein, auf welcher das Bild des Gottes inmitten seiner Verehrer

M) Der Feigenbaum spielt bekanntlich bei Priapos eine grosse Kolle. Pria-
pos selbst ist OÜKtvoc (anth. Pal. app. Plan. 86, 3), ein auKivov Söavov (Theokr.
Epigr. 4, 2), ein truncus ßculnus (Hör. Sat. 1,8,1); er schützt neben anderem
Obst vor allem auch Feigen (Priap. 51, 5. 69, 1); ihm werden YepaiöqpXoia öÖKa
dargebracht (anth. Pal. 6, 102, 1); er hält mit den Vorübergehenden verfängliche
Gespräche über aÖKa und io~xäoec (app. Plan. 240. 241).

") Bull. 1843 S. 61.

25) Gerhard Gott Eros Taf. 4,2 = ges. akad. Abb. Taf. 55, 2, vgl. Jahn
sächs. Ber. S. 240 Anm. 84. Ehem. Jahrb. S. 54 Anm. 25.

26) Heibig Wandg. no. 570. Ant. di Ercol. 11, 24. Ternite I Heft 2, 4 h.

27) Z. B. Heibig no. 775. Mus. Borb. XI, 16. Zahn II, 53. Vgl. unten S. 13,
Anm. * Nr. 2.
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