Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 1.1877

Seite: 89
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steht. Immerhin aber ist, wie die geringe Zahl der angeführten
Beispiele28) gegenüber der grossen Masse bärtiger Priaposbilder
beweist, die jugendliche Darstellung etwas Seltenes.

Im starken Gegensatz zum weibischen Oberkörper steht das
durch das Aufheben des Gewandes enthüllte charakteristische Ab-
zeichen des Gottes, welches, wenn auch nicht so übermässig ent-
wickelt wie an manchen anderen Bildern und nicht emporgerichtet,
dennoch völlig genügt um über die Natur des Gottes keinen Zweifel
zu lassen. Durch die Biegung des linken Knies und das Vorstrecken
des Leibes wird die Bedeutung dieses Theils noch besonders her-
vorgehoben, um so mehr, da gerade ihm die dargestellte Kultus-
handlung gilt. Vor dem Bilde steht nämlich ein ziemlich grosser
Altar, auf welchem eine Anzahl kleiner Gegenstände regelmässig
neben einander gelegt sind: sette tubi brevi disposti a scaletta come
per raffigurare una siringa o organo simile (Zoega). Die eine untere
Schicht bildenden Querhölzer lassen keinen Zweifel, dass Holz-
scheiter gemeint sind, für das Brandopfer bestimmt, für welches
der im Hintergrunde befindliche, mit einer Nebris angethane junge
Satyr eine Schale mit Obst auf der emporgebogenen Linken und
eine Fackel in der gesenkten Rechten bereit hält. Aber die Haupt-
handlung verrichtet der feiste vollbärtige und kahlköpfige Silen,
welchen wir bereits auf einem albanischen Relief als Priaps Erzieher
kennen gelernt haben. Dem Brauch der Opferer gemäss hat er sei-
nen Mantel um die Hüften geschürzt; ebenso steht er auf einem
Marmoraltar zu Corneto dem bärtigen Priapos gegenüber und opfert
ihm an einem aus Steinen aufgeschichteten, bekränzten Altar29).
Auf unserem Bilde beugt sich Silen mit dem nackten Oberkörper
weit über den Altar vor, um einen dreizipfeligen Beutel, welcher
an seinem oberen Ende mit zwei langen Bändern versehen ist, am
Phallus des Gottes zu befestigen. Ob hiermit eine eigenthümliche
Art der Darbringung (der Beutel hat den Anschein eines gefüllten)
oder eine Verhüllung des Gliedes gemeint sei, ist an sich nicht
klar. Auf letztere Annahme führt aber ein schon von Jahn30) her-
angezogenes Bronzefigürchen (0* 12 M. hoch) der ehemaligen Samm-
lung Beugnot, dessen jetziger Aufbewahrungsort mir unbekannt ist.

iS) Das muliebre marmoreum signum, antiqui operis, sub cuius tunica nescio
quid eiusdem arguvienti videtur latitare, im Besitz der Benavidi zu Padua, bei
Pignorius mensae Isiacae expos. (Amst. 1669) S. 25 lasse ich lieber bei Seite, da
die Abbildung mancherlei Zweifeln Raum lässt, insbesondere hinsichtlich des Kopfes.

29) Arch. Zeit. 1851 Taf. 35, 1.

30) Sachs. Ber. 1855 S. 239 Anm. 76.
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