Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 1.1877

Seite: 91
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Auf der in Italien gefertigten Zeichnung steht von Gerhards
Hand „Dodwell.Br." bemerkt. Dodwell muss also das Bronzefigürchen
anDurand abgetreten haben, aus dessen Händen es noch vor dem Tode
des Besitzers an Beugnot gelangte. Der bewegliche beuteiförmige
Deckel des grossen, aber hängenden Phallus, welcher in einer hier
nicht wiedergegebenen Seitenansicht deutlich sichtbar wird, ist stark
gerundet und zeigt jederseits einen Zipfel (ttoOc , pes), ganz ähnlich
wie der Beutel unseres Reliefs und so viele Beutel in der Hand des
Hermes. Stünde die kleine Bronze allein, so würden wir bei der Vor-
richtung wohl nur an ein Verhüllen des anstössigen Anblicks denken,
wie es z. B. bei Aufstellung des Bildchens in einem Lararium erwünscht
sein mochte 32). Unser Relief zeigt uns, dass etwas Anderes zu Grunde
liegt. Der Ernst, mit welchem der alte Silen den Beutel befestigt, in
Verbindung mit dem bevorstehenden Opfer, beweist dass es sich um
einen bestimmten Kultusact handelt. Dem Aufheben des Gewandes
und Enthüllen des mächtigen Zeugungsgliedes, welches als eine be-
deutsame symbolische Handlung des Kultus bekannt ist33), entspricht
als nothwendige Ergänzung der entgegengesetzte Act des Verhüllens.
Wenn in anderen Bildern des Gottes die Jahreszeiten das Glied an
langen Stricken auf- und niederziehen, so ist das nur ein anderer Aus-
druck dafür. Ein mit dem Leben und Absterben der Natur so eng
verbundener Gott wie Priapos muss auch in seiner äusseren Erschei-
nung diesen Wechsel zeigen, daher er bald ithyphallisch bald schlaff,
bald ganz ins Gewand gehüllt bald sich entblössend auftritt34). Es
ist unnöthig auf nahe liegende Analogien in den Kultusbräuchen
anderer Gottheiten hinzuweisen. Das Interesse unseres Reliefs, ver-
glichen mit dem Bronzefigürchen, besteht eben darin, dass es uns
einen bestimmten im Priaposkultus üblichen rituellen Ausdruck die-
ser Anschauungsweise kennen lehrt. Ob die Zeit des reichsten Obst-
segens, der Herbst, wegen des nachfolgenden Winters die Verhül-
lung herbeiführt, oder was hier sonst etwa für ein speciellerer Anlass
dazu vorliegen mag, will ich lieber nicht zu entscheiden versuchen.

Aquileia hat bereits eine priapische Darstellung von ungewöhn-
licher Art geliefert, ein früher im Besitz des verdienten Canonicus
Giandom. Bertoli, jetzt im Museum Cassis 35) befindliches Relieffrag-

32) Vgl. Anth. Pal. app. Plan. 242, 5 ff. Priapea. 1, 7. Jahn sächs. Ber.
1855 S. 73.

33) Jahn rhein. Jahrb. XXVII S. 54 ff.

34) So erklärt Cornutus de not. deor. p. 154 Os. die Sichel in der Hand des
Priapos uüc xfjc auxr)c buvö|uea>c ,uexä xö eveyKeiv xä övxa eKxe|avoüanc aöxä
Kai cpGeipouörjc

35) Vgl. Majonica oben S. 55.
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