Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 1.1877

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an Zahl und Bedeutung keineswegs geringen Materiales zu gewinnen,
so verdanken wir dies vor Allem der umsichtigen Führung des Herrn
Hauptmann Otto Vötter, welcher während eines mehrjährigen Auf-
enthaltes in Komorn sein Augenmerk auf die Trümmer der alten
Militärstadt gerichtet hat, und aus den Funden der Umgebung seine
schöne Sammlung römischer Münzen bereicherte.

Brigetio selbst gewährt mehr denn irgend einer der von uns
berührten Orte den Anblick der alten Localität. Am rechten Ufer
der Donau, östlich vom Dorfe Alt-Szöny befinden sich die aus der
Bodenbeschaffenheit deutlich erkennbaren Spuren des Standlagers
der legio I adiutrix (vgl. die Pläne in Marsigli's Danubius pannonico-
mysicus 1726, I tab. 5, II tab. 1, Fig. 3 und 4; daraus arch. Közle-
menyek III, Taf. I). Der im Volksmunde noch heute ,,Pannonia"
genannte Bezirk ist auf drei Seiten von Wällen umgeben und scheint
nur gegen den Strom hin seine ursprüngliche Gestaltung eingebüsst
zu haben. Hauptmann Vötter Hess innerhalb dieses Gebietes mehr-
mals Nachgrabungen vornehmen und wenn auch die Ausbeute selten
der aufgewandten Mühe entsprach, so stiess er doch stets auf Mauer-
reste und Architekturfragmente; einmal, unmittelbar am Ufer, sogar
auf die Fundamente eines Rundbaues. Am linken Ufer der Donau,
dem Lager gegenüber, trifft man ebenfalls altes Gemäuer, bei dem
nach glaubwürdiger Aussage nicht selten Ziegel mit Legionsstempel
gefunden werden. Diese Aussage ist um so weniger zu bezweifeln,
als im nahen Izsa mehrere Steinmonumente auf der Strasse liegen,
welche aus der Nachbarschaft stammen, und gewiss nicht vom an-
deren Ufer dorthin gebracht worden sind. Die Leute nennen diesen
Ort Leanyvär, d. i. Mädchenburg*), offenbar der befestigte Brücken-
kopf des gegenüberliegenden Lagers wie das sogenannte „ödeSchloss,,
von Carnuntum (vgl. v. Sacken Sitzungsber. der kais. Akademie XI
S. 337).

Etwa zwanzig Kilometer von Komorn entfernt, liegt landein-
wärts an einem fischreichen See das alte Schloss Totis, gegenwärtig
ein Besitzthum des Grafen Esterhazy. Nicht weit davon treten an
mehreren Orten Heilquellen zu Tage, in deren nächster Umgebung
zwei den Nymphen geweihte Inschriftsteine zum Vorschein gekommen
sind, wovon der eine aus Kis-Igmand bereits bekannt gemacht
wurde (C. I. L. III. 4356), während wir auf den zweiten aus Lopresti
haspöl noch zurückkommen werden. Von Totis aus lief, wie Marsigli

*) Leanyvär wird auch der untere, an dem Aranyos gelegene Stadttheil von
Thorda genannt. Vgl, Neigebaur, Dacien, S. 200.
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