Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 2.1878

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Dioskuren von Pephnos nach Pellana; den kleinen Asklepios3) ent-
rafft er dem brennenden Scheiterhaufen seiner Mutter Koronis;
Aristaios, den Sohn der Kyrene, überbringt er nach der Geburt den
Hören zur Erziehung, wie auf Münzen von Pheneos4) den Arkas
der Maia ; den Säugling Herakles legt er vorsorglich der schlafenden
Hera an die Brust. Vor Allem gross und oft gepriesen aber ist
sein Verdienst um Dionysos, den er aus dem Feuertode der Semele
errettet und den Nymphen zur Pflege übergibt oder dem er nach
der Geburt aus dem Schenkel des Zeus beisteht und die Pflege der
Ino sichert. In allen diesen Beziehungen, wie gewiss in noch mancher
andern, hatte ihn die Dichtung als einen allezeit zu rascher, ent-
scheidender Hilfe bereiten Gott, als eine freundlich vermittelnde
Vorsehung der Kinder geschildert und die Kunst hatte diese Züge
in gewissen typischen Ausdrucksweisen aufgegriffen, die in jedem
einzelnen Fall mehr durch äusserliche Zuthaten oder durch Ein-
ordnung in den Zusammenhang grösserer Compositionen verschie-
denen Sinn erhielten. Der Sinn dieser ihrer jedesmaligen Verwen-
dung wird daher in der That immer eigens zu ermitteln sein.

Eine Wahl kann bei näherer Betrachtung für unser Relief
nicht schwer fallen. Die Vorderansicht, die der ruhig stehenden
Figur gegeben ist, die seitliche Haltung ihres linken Unterarms, durch
die ihre Bewegung unbeeinträchtigt bleibt und der Knabe sich zu-
gleich besser präsentirt, das Gegengewicht, das auf der andern Seite
der wie balancirend geführte rechte Arm gewährt, lassen die Dar-
stellung ganz wie die Wiederholung eines statuarischen Motivs
erscheinen. In statuarischer Behandlung ist Hermes aber, so viel
ich sehe, nur mit Dionysos nachweisbar. Sicherer fällt der Fundort
ins Gewicht. Wird man doch in einer an entlegener Grenze des römi-
schen Reiches entstandenen handwerklichen Arbeit der späten Zeit
von griechischen Stoffen immer nur den gangbarsten voraussetzen
dürfen, immer nur einen solchen, der in dem allmählich sich voll-
ziehenden, für den Verfall der römischen Kunst immer bezeichnen-
deren Process des Einschrumpfens der überkommenen griechischen
Vorstellungskreise mit unverwüstlicher Lebenskraft sich forterhalten

3) Mit der von Kekule memorie delV instüulo II. p. 123 folg. behandelten
Reliefdarstellung der Pflege des neugeborenen Asklepios ist zu vergleichen ein ge-
schnittener Stein (Archäol. Anzeig. 1849 p. 77, 3) und zwei weitere Reliefdarstel-
lungen (Lateran n. 298, Berichte der sächs. Gesellseh. der Wissensch. 1868, p. 208,
131).

4) Müller-Wieseler Denkmäler alter Kunst I 41, 179. Vergl. Postolacca in
U. Köhlers Mittheil. d. archäolog. Instituts in Athen II p. 140.
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