Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 2.1878

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konnte und in neuen Ideenverbinclungen leicht weiter verwerthen
Hess. Diese Bedingungen treffen lediglich für Dionysos zu. Kein
Göttersohn erscheint häufiger in den Händen des Hermes und fügt
sich, seines umfassenden mythologischen Charakters entkleidet, be-
quemer, verständlicher ein in die prosaisch enge mercantile Auffassung
des Mercur, die sich tausendfach in römischer Kunst wiederholt. Als
ein bedeutsames Mittelglied dieser Entwickelung kann es dabei auf-
gefasst werden, dass er anscheinend bereits der griechischen Kunst
als Attribut des Marktgottes Hermes bekannt war: einen Hermes
Agoraios mit dem Dionysosknaben sah Pausanias auf dem Forum
von Sparta5). Mag Dionysos (wenn anders Agoraios, wie ich glauben
möchte, mehr als den blossen Ort der Aufstellung bezeichnet) hier
noch in verschiedenem Sinn aufgefasst werden können, vielleicht an
die in mannigfachen Beinamen, als Dionysos Demosios, Polites, Pa-
troos u. s. f. sich aussprechende bürgerliche Bedeutung, die er für
die Gemeinde der Agora besitzt6), erinnern, so berührt er sich in den
gleichen römischen Darstellungen um so entschiedener als blosser
Weingott mit dem Dämon des Reichtimms, Plutos, welcher der
Kunst gleichfalls in Kindesgestalt geläufig war. Im Arme des Schutz-
heiligen der Krämer und Mäkler, des bis zum Ueberdruss beständig
mit dem Geldbeutel ausgestatteten Handelsgottes, der mit klaren
Beinamen als Mercurius negotiator und nundinator auch in den rö-
mischen Provinzialdenkmälern unserer Heimat uns entgegentritt7),
ist Bacchus sicher nicht viel mehr als eine Allegorie für die Markt -
waare, welche die lateinischen Dichter mit seinem Namen bezeichnen.
In diesem trivialen Sinne entwerthet, mochte das alte poetische Bild
des flinken Götterboten, der das Wunderkind des Zeus hütet, nach-
dem es in griechischer Phantasie gelebt, in griechischer Kunst blei-
bende Form erhalten hatte, eine letzte Popularität gewinnen, die
es noch in sinkender Epoche der alten Cultur bis in den barbari-
schen Norden tragen konnte. Dass es hier nicht vereinzelt dasteht,
zeigen einige Denkmäler, die sich aus anderen römischen Provinzen
diesseits der Alpen erhalten haben.

Im Jahre 1832 ist in Gundershofen im Elsass unter einer Reihe
inschriftlich bezeichneter Weihgeschenke, die einem Heiligthume des

5) Pausan. III 11, 11: eaxi &£ Kai 'Epufjc; "AyopaTot; Aiövucrov qp^puuv Tretiba.
Welcker griechische Götteiiehre II p. 455, 124 sieht in dem Beinamen nur eine
Ortsbezeichnung.

6) E. Gerhard griech. Mythologie §. 447, 6e. K. Keil Philologus Supple-
mentb. II p. 618.

') Brambach corpus inscript. Rhen. n. 1460. 1508.
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