Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 2.1878

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Armuth an eigenem Reiz ein gewisses kunstgeschichtliches Interesse
nicht abzusprechen. Als bestimmte Wiederholungen eines berühmten
Kunstwerkes können sie allerdings nicht angesehen werden. Die Art,
wie Mercur steht, den rechten Arm hält, das Gesicht wendet, ist
verschieden. Die Bewegungen des Knaben wechseln. Bald zeigt
sich Mercur in bestimmter Weise mit ihm beschäftigt, bald trägt er
ihn ohne Antheil wie eines der vielen Symbole, die ihm überall bei-
gegeben sind und die ihn charakterisiren, wie an den Eigennamen
der späten Kaiserzeit die Cognomina sich häufen. Dagegen bleiben
sich gewisse Züge, so die immer bevorzugte Vorderansicht, die Beu-
gung des linken Armes, die Richtung des Knaben, das zur künst-
lerischen Abrundung der Gruppe verwerthete Gewand, in der Haupt-
sache gleich In dieser theilweisen deutlichen Uebereinstimmung
wird sich die Nachwirkung eines durch viele Mittelglieder und durch
die Anpassung in eine neue fremde Denkweise wie immer gebro-
chenen griechischen Motivs, welches der statuarischen Kunst ange-
hört, nicht verkennen lassen. Dieses Motiv mag mit dem wieder-
aufgefundenen Werke des Praxiteles als neue Erfindung nicht zum
ersten Male in der griechischen Kunstgeschichte aufgetreten sein.
Aehnlich wiederholt es sich bereits in der Gruppe der Eirene mit dem
Plutoskinde von der Hand seines Vaters Kephisodot, welche Stark
und Brunn in der herrlichen Ino-Leukothea der Münchener Glyp-
tothek erkannt haben. In noch höherem Grade kann dies der Fall
gewesen sein bei dem Mercurius Liberum patrem in infantia nutriens,
den Plinius17) demselben Künstler zuschreibt. Aber dem ererbten
Motive wird die Hand des Praxiteles die classische Form verliehen
und der Klang seines Namens, der den Geschmack der Folgezeit
beherrschte, die grösste Verbreitung gegeben haben.

Anfang Januar 1878 O. BENNDORF

Bericht über eine Reise im westlichen Ungarn.

(Schluss.)

IV. Steinamanger.

1. Im Museum: Torso einer Colossalstatue der Minerva,
1'23 h., Marmor. Kopf, Arme und Beine fehlen. Die Göttin war
sitzend dargestellt und bekleidet mit einem rückwärts hinabwallenden

1?) Plinius natur. hist. XXXIV 87.
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