Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 2.1878

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sie für die Localsage von Pessinus3) fehlen. Sie kommen auch
nicht etwa selten oder in gewissen Gregenden beschränkt vor, son-
dern folgen überall der ganzen weiten Verbreitung des Mithras-
cultus, in dessen Heiligthümern sie neben der bekannten Darstellung
der Stiertödtung fast überall nachweisbar sind. Dieser Sachverhalt
nöthigt zu der Annahme, dass die Mythe der Felsgeburt dem Mithras
seit alter Zeit eigenthümlich war. Im Einklänge damit stehen die
neueren Forschungen4) auf dem Gebiete der vergleichenden Mytho-
logie, welche über die älteste Bedeutung des Mithras als Lichtgott-
heit, speciell als einer Personification des anbrechenden Tageslichtes,
Klarheit gebracht haben.

Nach Windischmann steht die Lehre vom felsgeborenen Mithra
in engster Verbindung mit der bekannten Feier seiner Mysterien
in Höhlen und findet wie diese, nebst der Mythe vom Einderraube,
Anhalt in echten zarathustrischen Schriften. Windischmann verweist
auf verschiedene Stellen des Opfergebetes an Mithra (Mihr Yast
13, 44, 50, 51), welche das Erscheinen des Gottes auf den Berg-
spitzen und seine „weite, von Ahura-Mazda und den Amesa- Qpenta's
geschaffene Wohnung auf der glänzenden Berghöhe Hara" schildern.
Der mythologisch kindliche Ausdruck für das erste Erscheinen des
Lichtes vor der Sonne auf den Gipfeln der Berge sei: es wohne in
der Höhle des Berges, werde vom Berge geboren. Sei der Name
des Berges weiblich, wie hara berezaiti, so knüpfe sich hieran
um so leichter die Vorstellung des Geborenseins aus dem Felsen.

Gegen diese Erklärung scheint mir zu sprechen, dass die an-
geführten Schriftzeugnisse nie von einer Berggeburt, sondern nur
von einer Felsgeburt berichten, und dass übereinstimmend die Kunst-
werke immer Gestein, keine Anhöhe als das Element vergegen-
wärtigen, aus dem sich Mithras erhebt. Auch wird seine Wohnung
nach dem Wortlaute des Opfergebets nicht in dem Berge, sondern
auf und über ihm gedacht. Und die Vorstellung, dass er in der
Höhle des Berges wohne zugegeben, würde diese den Begriff der
Entstehung aus dem Berge nicht nur nicht leicht ergeben, sondern
ihm eher widerstreiten. Ich möchte daher einen anderen Hergang
natürlicher finden.

Bekanntlich ist die Vorstellung des Himmels als einer Veste
uralt. Zur Veranschaulichung seiner unvergänglichen Dauer werden

3) Pausanias VII 17, 5; Arnobius advers. nat. V 5—7; vgl. Pauly R. E. I2
536 f. unter „Agdistis" und Preller Gr. Myth. I3 533 ff.

4) Aufgeführt bei Stark zwei Mithraeen p. 38 ff.

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