Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 2.1878

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welche so häufig Einzelheiten monumentaler Werke mit Umgehung
der einfachsten Deutung in spitzfindiger Weise interpretirt. Natür-
lich ist Augustins Zeugniss darum nicht minder zuverlässig. Und
vielleicht geschieht des nämlichen prophylaktischen Gestus noch an
einer andern Stelle eines alten Gewährsmannes, des Marcellus Bur-
digalensis, Erwähnung. Um ein Gerstenkorn oder ein Geschwür
am Augenlied zu vertreiben, nehme man, so räth er (c. 8 p. 279
Steph.), neun Gerstenkörner, berühre das Geschwür mit ihren
Spitzen und sage jedesmal dabei: cpeGye, cpeüYe, Kpi9n, cre öiuuKei10).
Oder, wenn das Gerstenkorn sich am rechten Auge befindet, so
berührt man dasselbe mit drei Fingern der linken Hand,
spukt dabei aus und sagt dreimal: nec mala parit, nec lapis lanam
fert, nec huic morbo caput crescat, aut si creverit, tabescat. Ohne
Zweifel sind eben die drei Finger gemeint, welche auch an den
Votivhänden ausgereckt sind, und dass sie in apotropaeischem Sinn
das Gerstenkorn (wohl der Reihe nach) berühren sollen, darüber
lässt das begleitende Ausspucken wie der Beschwörungssprach keinen
Zweifel. Für unwesentlich halte ich dabei die Differenz, dass Mar-
cellus die linke Hand nennt, während die Votivhände dieser Gat-
tung alle rechte sind. Ich glaube sonach, dass die Anwendung von
Augustins Zeugniss auf die Votivhände in der That grosse Wahr-
scheinlichkeit hat. Indessen finde ich nicht, dass damit die Symbolik
jener Votive unmittelbar aufgehellt sei. Was Usener bemerkt über
die vermuthliche Uebereinstimmung des Gestus und der Apotropaea,
über die Neigung später Superstition, durch angstvolle Häufung
ihrer Mittel die Sicherheit zu verstärken, ist gewiss richtig. Aber
die Frage bleibt unbeantwortet, in welchem Sinn diese abwehrende
Hand vom glücklich Behüteten den Göttern geweiht werden konnte.
Ich gestehe, dass auch ich eine vollkommen zufriedenstellende Ant-
wort auf diese Frage nicht bereit habe. — Man pflegte denjenigen
Göttern, durch deren Fürsorge man sich bewahrt oder beglückt
meinte, darzubringen, was zum Heil und Segen gedient hatte, zu-

10) Man möchte vermuthen, dass zu schreiben sei cpevje (peÜYe KpiSf), KpiOr]
0e biujxei. Auf einem geschnittenen Stein bei Stephani, Apollon Boedromios Taf. IV
steht: cpuye, Troöcrfpa, TTepceüt; ae biwKei. Alexander von Tralles X p. 593 ed.
Guinter. empfiehlt als Amulet gegen Kolik einen achteckigen eisernen Ring, auf
dem die Worte geschrieben stehen: qpeOye cpeC^e iou X^^h ^ KOpüoaXot; ae £r)TeT,
und in der Rev. archiol. III (1847) S. 510 wird von Ch. Lenormant eine Abraxas-
gemme veröffentlicht, auf deren einer Seite die Hecate triformis dargestellt ist, auf
der anderen Herakles den nemeischen Löwen würgend, darüber in fehlerhafter Or-
thographie die von Lenormant richtig gelesenen Worte: dvaxwpei, X11^1!/ T0 6ei°v
öe öiuÜKei.

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