Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 2.1878

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einer Gottheit, des Hermes, dem sie auf Bildwerken öfters beigegeben
ist; und doch werden wir ihr Erscheinen auf Amuleten und in ver-
wandtem Zusammenhang einfach prophylaktisch verstehen, ohne dabei
an Hermes zu denken. Lehrreich und interessant ist die Bronze
des k. k. Münz- und Antikenkabinetes, zuletzt abgeb. bei Sacken,
Bronzen etc. Taf. 20. Hermes sitzt bequem auf einem Stein, in
der R. das Kerykeion, die L. auf den Beutel legend; auf derselben
Basis vor ihm und zur Seite sind ein Ziegenbock und ein Widder
auf einen eigenen kleinen viereckigen Untersatz gestellt, und auf dem
Widder reitet Eros, eine Traube in der L., die R. mit ausgerecktem
Zeigefinger vorstreckend. Zu den Füssen des Gottes und nach vorn
gewendet sind Schildkröte und Eidechse angebracht. Hier soll
offenbar das gesammte Beiwerk der segensreichen und heilvollen Be-
deutung und Kraft des Gottes selber, d. h. seines Bildnisses, stär-
kend und schirmend zu Hilfe kommen und es ist der ganze Appa-
rat, obwohl jeder Bestandtheil desselben für Hermes attributiv, doch
mit Rücksicht auf apotropaeische Wirkung ausgewählt und arrangirt.
Eidechse und Schildkröte sind drohend geradeaus gerichtet, die
Blicke der gehörnten Thiere, gleichfalls vorwärts gewendet, kreuzen
einander und nehmen gewissermassen zwischen sich, was feindlich
nahen könnte; auch Eros, selber wieder als Segensgott aufgefasst,
weist nach vorn mit dem ausgestreckten Zeigefinger, der, obwohl
vom digitus infamis verschieden, doch bisweilen ähnliche Bedeutung
hat22). Dass die gesammte Gruppe im Lararium eines Hauses ihren
Platz hatte, wurde schon früher angenommen (Sacken a. a. 0.) und
wird durch die prophylaktische Tendenz zur Gewissheit gemacht.

Das Thier am Pulse der Wiener Votivhand (IV, 1) ist nach
Benndorf für Frosch oder Kröte zu halten. Vgl. Jahn a. a. O.
99, und meine Nachweise im rhein. Mus. 1872 S. 395, 1; überdies
Struve zu luv. I 70, und was Grohmann Apollo Smintheus S. 36

") Vgl. Echtermeyer Namen und Symbol. Bedeutung der Finger S. 18 f. Auf
dem von Bartoli ant. sepolcri t. 16 (= Overbeck Gal. her. Bildw. XXV 18) ver-
öffentlichten Bilde verhöhnt ein Troer seine das hölzerne Pferd in die Stadt ziehen-
den Landsleute, indem er den Zeigefinger der Rechten erhebt und mit Daumen und
Zeigefinger der Linken umschliesst, eine Spottgeberde, auf die schon 0. Müller
Handb. d. Arch. §. 335, 9 aufmerksam gemacht hat, nur dass er sie nicht richtig mit
digitus impudicus bezeichnet. Toppen Aberglauben aus Masuren S. 41: „gegen den
bösen Blick, durch welchen besonders alte Frauen gefährlich sind, kann man sich
schützen, wenn man hinter sie tritt und hinter ihrem Rücken, ohne ein Wort zu
sprechen, dreimal mit dem Zeigefinger der linken Hand winkt".
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