Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 2.1878

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schon die Oberfläche glatt gelassen ist29). Diese Frucht ist aber
derart zwischen die Fingerspitzen gesteckt, dass ein eigentliches
Halten oder etwa ein symbolisches Darreichen der einer Gottheit
bestimmten Opfergabe nicht angenommen werden kann; vielmehr
ist hier die Hand in gleicher Weise mit einem heiligen Attribut oder
prophylaktischen Nebenemblem bewehrt und verstärkt, wie wenn
zwischen den nämlichen Fingern die Schlange ihren Kopf empor-
hebt, oder wie wenn auf der Spitze des Daumens, Zeige- oder Mittel-
fingers der Pinienzapfen, auf den eingeschlagenen Fingern ein „Ei"
angeheftet ist.

Man würde aber fehl gehen, wenn man aus dieser kleinen
Abweichung zwischen den beiden auf Taf. III vereinigten Händen
auf einen Unterschied beider in Bezug auf ihre Bestimmung oder
die ihnen zu Grunde liegende Vorstellung folgern wollte. Wenn
das Exemplar 3, 4 ein barockes Composit ist, wie die meisten dieser
Votive, so macht sich, indem die Hand das apotropaeische Parergon
in natürlicher und selbst zierlicher Weise hält, eine Art künstlerisch
verbindenden Triebes geltend. Ein weiter greifender Unterschied
zwischen beiden Exemplaren, deren jedes uns wieder Gattungen re-
präsentirt, ist nicht anzunehmen. Andererseits erscheint ebenso ein-
leuchtend, dass die Hand auf der oberen Hälfte der Taf. III von
denjenigen nicht gesondert werden kann, die ihr, bis auf die ab-
weichende Haltung der Finger, gleichartig sind, indem sie entweder
in identischer Weise von der Schlange umringelt sind, oder ebenso
die Frucht halten. Und mit der Schlange allein ist die Hand in
Brescia s ausgestattet, ebenso in q das Beiwerk nahezu auf die
Schlange beschränkt30), während die in Anm. 27 aufgeführten Hände
von Neapel und Famars wie ursprünglich diese in Trient — wenn
unsere Vermuthung zutrifft — den Pinienapfel halten, dagegen ab-
weichend von ihr der Schlange entbehren.

29) Vgl. oben S. 53, 16.

30) Vgl. Neapels ant. Bildw. S. 207: „Votivhand, die zwei kleinen Finger ge-
schlossen, der äusserste mit einem Eing; eine Schlange windet sich um den Puls,
ihr Kopf ist zwischen Daumen und Zeigefinger sichtbar, auf der äussersten Fläche
der Hand ein Aehrenzweig". Kornähren finden sich auch sonst an Gegenständen,
die als Amulete wirken sollten; so neben einer Anzahl von verschiedenartigen ge-
hörnten Thierköpfen auf dem goldenen Siegelring bei Schliemann Mykenae S. 409
n. 531. Vgl. auch Kochholz deutscher Glaube und Brauch I 299 ff., Köhler Volks-
brauch im Voigtlande S. 417. Kornähren und Getreidekörner dienen zur Heilung
von Augenkrankheiten und Fieber: Mannhardt Baumcultus der Germanen
und ihrer Nachbarstämme S. 17 und oben S. 49 Anm. 10.
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