Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 2.1878

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Jahn in seiner Abhandlung über den bösen Blick S. 53 ff. ausführ-
lich gedacht36). Aber erst die neueren Entdeckungen haben uns die
Belehrung gebracht, dass dieses Symbol in dieser Anwendung für
phönikisch-assyrisch gelten muss. Auf den punischen Votivstelen
ist kein Emblem häufiger als dieses und oft ist es zusammengestellt
mit anderen heiligen Zeichen37). Ein babylonischer Cylinder zeigt
uns eine Anzahl von Personen in anbetender Stellung um eine ko-
lossale Hand gruppirt, die sich auf einem Untersatz emporhebt. In
den semitischen Sprachen ist, nach Philipp Berger und F. Lenor-
mant, das Wort, welches die Hand bezeichnet, einer der gewöhn-
lichsten und stärksten Ausdrücke für den Begriff der Macht. Welches
freilich die ursprüngliche Bedeutung dieses Zeichens gewesen, scheinen
die Forschungen dieser beiden Gelehrten noch keineswegs festgestellt
zu haben. Aber wäre dies auch für das Gebiet ägyptischer, assy-
rischer, phönikischer Symbolik geglückt, so würde damit vielleicht
die Frage noch nicht zuverlässig beantwortet sein, in welchem Sinn
die griechische und römische Welt vom selben Emblem analogen

36j Die Reihe dieser von Stephani tit. graec. IV 14 f. und Jahn a. a. O. auf-
geführten Inschriftsteine mit dem Symbol zweier in Relief ausgehauener aufgerich-
teter Hände ist kürzlich vermehrt worden durch die in mehrfachem Betracht äusserst
interessante griechische Inschrift im Museum von Bukarest, die O. Hirschfeld in
den Sitzungsher. d. k. k. Akad. i d. Wissensch. 1874 S. 403 ff. veröffentlicht hat. Sie
lautet: ernKaXouuai Kai d£iti> töv Oeöv xov v\y\orov töv Kupiov xüjv Trveuudxuuv
Kai irdaric; aapKÖc; eiri tcok; oö\u> cpoveuaavxa«; r\ <pap|uaKeüo~avxa<; xr^v xaXai-
mupov äuipov 'HpaKXeiav eJXlx^avxac; aüxfjc; tö dvaixiov aTua dokux;, Tva oütuuc;
Y^vnxai xoi<; (poveüöaaiv auxriv f\ cpapuaKeuaacnv Kai xoiq xekvok; auxwv. KÜpie
6 irdvxa ecpopuiv Kai ol ä[Y]Ye\oi 6eo0, tl» irdaa vjjux^I ev xrj afiuepov r)|uepa xa-
ireivoOxai ue8' iKexdat;, Iva e[k]öiKri0r]<; xö aiua xö dvaixiov. Der christliche
Gott und mit ihm allerlei christliches Formelwesen ist hier mechanisch eingeschoben
an die Stelle des allsehenden Helios, dem es sonst in diesen Exsecrationen aufge-
geben wird, den Schuldigen ausfindig zu machen (Zr\TY\öe\c, Kai xr]v xaxio"xr]v) und
dessen Opfer zu rächen. Ich möchte hierbei vor Allem die von Stobaeus floril. KH
18 einem jambischen Dichter nacherzählte (s. Meineke's Ausg. Bd. IV p. LXI f.)
Geschichte vergleichen: der Schwörende stellt sich der Sonne gegenüber und
hebt die Hände empor, oder wie es im Griechischen heisst: Kaxao"xd<; b£
£vavxk>v xoO 0eoü, ovirep e'|ueX\e auviaxopa iroieeööai, biöuuöi.... dvaxeiva«; b£
xujv £il)v xepd>v qpopr)v elirev dx; etc. Der Eidschwur pflegte mit einer hypotheti-
schen Selbstverwünschung verbunden zu sein. Auch der Orakelspruch anth. Pal.
XIV 72 gebietet, den Schwörenden der Sonne gegenüber zu stellen. Ueber die ent-
sprechende germanische Sitte vgl. Grimm deutsche Rechtsalterth. S. 895, Simrock
deutsche Mythol. S. 384.

37) Vgl. Mim. de l'acad. de Petersb. VH Serie, tome 17 (1872) Taf. 1—30;
Gaz. archeol. II (1876) S. 118—121; 125, HI (1877) S. 25; 29-37; Davis Carthago
and her remains S. 256 ff. und die zugehörige Tafel.
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