Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 2.1878

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Gebrauch machte. Fremde Symbolzeichen wurden wie Buchstaben-
zeichen übernommen, ihre Werthe oftmals umgewandelt, indem die
Auffassung bestimmt wurde durch einheimische Formen und Bilder
verwandter Beschaffenheit. Dem semitischen Sinnbild wird eine sehr
einfache Natursymbolik zu Grunde liegen, es mochte die emporstre-
bende Lichtflamme oder das Feuer des Firmamentes bezeichnen38);
auf die griechisch-römische Anwendung desselben ist wahrschein-
lich das Ceremoniel des Kultus39) und die lebendige Geberden-
sprache der populären Superstition, in welcher die praktische Sym-
bolik namentlich der theilweise oder ganz geschlossenen Hand zu
so ausserordentlicher Mannigfaltigkeit entwickelt war40), nicht ganz

38) Es verdient vielleicht Erwähnung, dass auf einem Relief, gefunden im
Bereich eines voraussetzlichen Mithraeums in Rom und abgebildet im Bullett. della
commiss. archeol. municip. vol. II (1874) tav. 21, 3, Sol, als Kind mit Strahlen-
haupt, aus einem viereckigen Stein mit halbem Leibe hervorragend, dargestellt ist
in der L. den Globus, die flache rechte Hand so erhebend, dass ihr Inneres nach
auswärts gekehrt ist: ein Bild, das uns unwillkürlich an die Darstellung auf dem
oben erwähnten babylonischen Cylinder erinnert. Auch an ein Symbol des anbre-
chenden Lichtes dürfte man bei dem Zeichen der Hand denken; es reicht aus der
po6oovdKTu\oc; 'Huüc; zu erwähnen. Im derberen germanischen Bild sind es die
Tatzen der Sonne oder des Tages. Auf einem Steinrelief sieht man unter dem
Sonnenbild zwei Tatzen, in einem schönen Lied Wolframs von Eschenbach schlägt
der Tag seine Klauen durch die Wolken; vgl. Sim'rock deutsche Mythol.3 S. 384.
Bei den Indianern Amerikas ist eine „rothe Hand" auf Thierfellen, Holztafeln oder
auch auf dem Leib von Tänzern u. s. w. ein heiliges Sinnbild (d. i. Abbild!) wo-
durch der betr. Gegenstand oder Körper der Sonne geweiht wird.

3fl) An den gewöhnlichen Gestus griechischer und römischer irpoo"KÜvr|o"t<;
(Stephani ausruh. Her. S. 74, Michaelis Annali delV Inst. 1875 p. 119) erinnerte
schon, obwohl schwankend, Stephani in seiner Besprechung dieser Inschriftsteine
a. a. 0. und Jahn a. a. 0. 55 äusserte sich zuversichtlicher dahin, dass auf diesen
Steinen durch die beiden emporgestreckten Hände Bitte und Verwünschung verstärkt
oder, wo eine Exsecration nicht ausgesprochen sei, das Monument vor Angriff und
Beschädigung geschützt werde. Es ist zu beachten, dass die Reliefe, welche den
Akt der 7rpoo"Kuvr)öi<; vergegenwärtigen, die adorirende Hand bald offen mit leiser
natürlicher Krümmung der Finger, bald halb oder fast ganz geschlossen, auch
manchmal Daumen und Zeigefinger erhoben zeigen; man beobachte die Verschie-
denheit der Fingerstellung auf demselben Votivrelief bei Gerhard ant. Bildw. Taf. 315,
4 = Weicker a. Denkm. H Taf. 13, 25. Auf dem jüngst in den Mittheil. d. arch.
Inst, in Athen II 3 Taf. 18 abgebildeten Relief aus dem Asklepieion sind die er-
hobenen rechten Hände der beiden im Zuge voranschreitendon Adoranten völlig
geschlossen.

40) Nehmen wir den für das Alterthum nachweisbaren und den heute noch
fortlebenden Brauch zusammen, so ergiebt sich, dass es kaum eine überhaupt mög-
liche Fingerstellung gegeben hat, der nicht Bedeutung und Wirksamkeit, zum
Schaden des Anderen und zum eigenen Nutzen, beigemessen wurde. Bei dem
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