Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 2.1878

Seite: 65
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/archepigrmoeu1878/0073
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
so viele dieser Hände wirklich ausgestattet sind. Es ist oben hin-
gewiesen worden auf die religiösen Beziehungen der Pinie und die
Verwendung ihrer Frucht in der antiken Medizin. Aber schwerlich
ist damit die prophylaktische Geltung des Pinienapfels an ihrer
Wurzel gefasst. Wahrscheinlich hat dieses Symbol die gleiche Her-
kunft, wie das der flachen Hand; denn die Vermuthung liegt allzu
nahe, um abgewiesen zu werden, dass diese Frucht um ihrer die
bekannten heiligen Steinkegel von Paphoi vergegenwärtigenden Form
willen (kujvo£ heisst ja geradezu die Pinienfrucht) zum heiligen Zei-
chen geworden ist; an die Pigne Prenestine sei hierbei im Vorüber-
gehen erinnert, wie vielfach sonst die konische Gestalt der Göttin
von Paphos sich in der religiösen Formenwelt des Alterthums gel-
tend macht, ist bekannt genug43).

Vermuthlich ist ein ungemein grosser Theil des superstitiösen
Apparates, welchen Griechen und Römer handhabten, fremdländi-
schen Ursprunges. Es lag im exotischen Charakter dieser Symbolik
eine stärker reizende Wirkung auf das Geniüth; aber zu diesem
psychologischen Grund trat ein zweiter: zahllose Aegypter, Perser,
Assyrer oder „Syrer", Babylonier und Chaldäer schafften als indu-
striöse Missionäre der Geheimweisheit des Orients dessen magischen
Mitteln und Beschwörungen Eingang im abendländischen Alterthum,
und eine ausgebreitete didaktische Literatur, die sich gleicher Her-
kunft, freilich vielfach mit Unrecht, berühmte, stand ihnen zur Seite.
Und fast scheint es, besonders nach den Mittheilungen im Journal
asiat. 1838 S. 241 ff., sowie in der Zeitschr. der deutschen morgen-
länd. Gesellsch. 1877 S. 256 ff. und manchen monumentalen Spuren,
als sei unter den Völkern des alten Orients mit dem Glauben an
das böse Auge zugleich die prophylaktische Praxis der Griechen
und Römer in ihren wesentlichen Formen vorgebildet gewesen.

43) Es sei hier noch einmal darauf zurückgewiesen, dass auf der Erzplatte
von Athen, die oben S. 47, 7 erwähnt wurde, uns neben der flachen Hand und
dem Kerykeion ovale Gegenstände begegneten, welche an die Pinienfrucht erinnern,
aber auch einen heiligen Stein vorstellen könnten. [Soeben berichtet E. Majonica
über eine 0-12 hohe bronzene Votivhand in der Sammlung Cassis zu Monastero bei
Aquileia. Eine Schlange umwindet das Gelenk und ringelt am Ballen empor, ihr
Kopf fehlt mit dem Daumen. Die beiden kleinen Finger eingebogen; zwischen den
Spitzen des 2. und 3. ein eiartiger Körper. O. B.]

Göttingen R. DILTHEY

Arcliäologisch-epigraphische Mitth. I.

5
loading ...