Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 2.1878

Seite: 68
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1. Funde. Die Zeitgrenze betreffend, ist für die epigraphischen Funde bis
zum Jahre 1875 zurückzugehen, bis zu welchem Mommsens Additamenta ad Corporis
Volumen III (Epliem. ep. II fasc. IV) das Corpus Inscr. ergänzen. Für nicht-epigra-
phische Funde bildet meist das Jahr 1876 die Zeitgrenze, doch ist gelegentlich
auch darüber hinausgegangen*).

Altofen (Äquincum) hat wie sonst auch in diesen Jahren die reichste Aus-
beute geliefert. Von Wichtigkeit für die genauere topographische Kenntniss des
Platzes waren besonders die Ausgrabungen des Jahres 1868, zu denen die Funda-
mentirung mehrerer industrieller Gebäude daselbst den Anlass bot. Zwei reiche
Fundorte erschlossen sich hier nördlich des Marktfleckens**) auf der Ebene; der
eine am Fusse der Hügelkette, welche die Ebene westlich begrenzt, der andere ganz
in der Nähe des Donauflusses. An letzterem Orte, dem Bauplatze der Ersten Alt-
ofener Spiritusfabrik, zeigte sich zuerst Anfangs November in der Tiefe von 1 Meter
ein vollständig erhaltener, von Mauerwerk umgebener Steinsarg. Das Skelet war
zerfallen, doch Spuren von Leder zu den Füssen, Fragmente der Sandalen, hatten
sich erhalten; zunächst dem Unterkiefer lagen zwei Bronzemünzen, die eine von
Hadrianus, die andere unkenntlich, neben dem Skelete fand sich ein Goldring mit
Saphir, Fragmente von Bronze- und Glasgefässen; der Sarg war ohne Aufschrift.
Ganz in der Nähe kamen in den folgenden Tagen noch ein ausgeplünderter, eben-
falls aufschriftloser Steinsarg, sowie ein Kindergrab zum Vorschein, das aus Ziegeln
mit dem Stempel der Legio II Adiutrix gebaut war. Ziegeln mit LEG II • ADI-
wurden auch aus einem römischen Canale hervorgehoben, der ganz in der Nähe
der Grabanlagen in östlicher Richtung der Donau zulief.

Skelete und Gräber in verschiedener Tiefe und ohne bestimmte Ordnung,
darunter eines, in welchem sich neben den Knochenresten acht Eisennägel fanden,
Inschriften und Ziegel mit Stempeln (die bereits bekannt sind), Fragmente von
terrasigillata-Gefässen, Thonlampen, Glasfragmente u. dgl., sowie Münzen, zumeist
aus dem dritten und vierten Jahrhunderte, lohnten die ferneren Ausgrabungen***).
Vieles davon gelangte ins Nationalmuseum.

In westlicher Richtung von dieser Fundstelle, doch am Fusse der die Ebene
begrenzenden Hügel, bot im obgenannten Jahre das Terrain der „Victoria-Ziegelei"
eine reiche Ausbeute. Gleichwie am Donaustrande lagen auch hier Sarkophage und
Ziegelgräber in beträchtlicher Menge ohne Ordnung über und nebeneinander, theil-
weise in ziemlicher Tiefe; Bergrutschungen und Sturzbäche hatten im Laufe der
Jahrhunderte die schon in alter Zeit zum grossen Theile ausgeplünderte Begräbniss-
stätte überdeckt. Einige wenige vollständige Sarkophage und Ziegelgräber wurden
sammt den Gebeinen ins Nationalmuseum übertragen. Die daselbst vorgefundenen
Inschriften sind seither durch das Corpus allgemein bekannt geworden und die
während der ganzen Fundamentgrabung sorgfältig überwachten Spuren wurden, wie
Alles, was seit" Anfang der sechziger Jahre bis heute in Altofen und Umgebung zur
Kenntniss des Nationalmuseums gelangte, in die genaue Karte verzeichnet, welche
Dr. Romer für sein Specialwerk über Äquincum vorbereitet.

*) Münzfunde wurden auf Wunsch der Redaction vorläufig ausgeschlossen.

**) Seit der Vereinigung von Pest-Ofen und Altofen, Vorstadt von Budapest.

***) Vgl. darüber Dr. Romers Notizen im Archaeologiai Ertesitö (A. E. = Ar-
chäologischer Anzeiger) L Bd. 41—14, 64—68, 298.
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